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Karen Duve

aus "Dies ist kein Liebeslied" | Romanauszug


Mit sieben Jahren schwor ich, niemals zu lieben. Mit achtzehn tat ich es trotzdem. Es war genau so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war demütigend, schmerzhaft und völlig außerhalb meiner Kontrolle. Ich wurde nicht wiedergeliebt, es gab nichts, was ich tun konnte, um das zu ändern, und bei dem Versuch, selbst nicht mehr zu lieben, wurde ich fast wahnsinnig. Wenn man mitkriegt, dass man den Verstand verliert, ist es das Cleverste, die Sache für sich zu behalten und geistige Gesundheit vorzutäuschen, indem man sich wie alle anderen benimmt. Alle anderen hatten Freunde und Sex, sie hatten Berufe, amüsierten sich auf Parties und Reisen, und ärgerten sich, wenn ein Wochenende vorbei war. Also ging ich ebenfalls mit Männern ins Bett und mit Frauen in Bars, scheiterte in diversen Jobs, langweilte mich auf Parties und in fremden Ländern und schnitzte mir sonntags mit einem Kartolffelschälmesser Muster in die Oberarme. Unterdessen wurde der F.C. Bayern München acht Mal Deutscher Meister. Alle Leute, die ich kannte, auften sich Uhren mit Digitalanzeige und vertauschten ihre Schlaghosen gegen knöchelenge Jeans oder Karottenhosen. Der Iran erklärte die USA zum Feindbild Nr. 1 und MTV startete mit "Video kills the Radio Star" von den Buggles sein Programm. Englische Soldaten marschierten auf den Falklandinseln ein und sowjetische in Afghanistan und amerikanische auf Granada. Alle Leute, die ich kannte, tauschten ihre Digitaluhren wieder gegen normale Uhren mit Zeiger und Zifferblatt und kauften sich Walkmen. Der Atomreaktor Nr. 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl verteilte seine Spaltprodukte über ganz Europa, und es wurde empfohlen, zwanzig Jahre lang keine Waldpilze mehr zu essen, und zwei Jahre lang aß man tatsächlich weniger Pilze. Die Sowjetunion zog sich wieder aus Afghanistan zurück, und der kalte Krieg ging vorüber; und als schon längst kein Mensch mehr daran geglaubt hatte, fiel die Berliner Mauer. Saddam Hussein vwerlor die "Mutter aller Schlachten" und blieb weiterhin im Amt. Die Models wurden immer berühmter und immer dünner, und das Ozonloch immer größer, und die Jogger trabten im Sommer nur noch in den frühen Morgen und späten Abendstunden, und der Mann, den ich liebte, zog nach London. Der Balkankrieg brach aus und der Tschetschenienkrieg, und Amerika intervenierte in Somalia. Und in Uganda und Liberia und Georgien brachen Bürgerkriege aus, und Aserbeidschan kämpfte gegen Armenien. Und die Schlager handelten weiterhin von der Liebe. Und Männer und Frauen setzten weiterhin Kinder in die Welt und gingen zu Eheberatern und Therapeuten und ließen sich scheiden. Aber was auch um mich herum geschah, nie hatte ich das Gefühl, irgend etwas davon hätte mit mir zu tun. Die ganze Zeit über hielt ich gewissermaßen den Atem an und wartete auf meinen Einsatz, wartete auf die entscheidenden Worte, die fallen mussten, damit ich hinter dem Vorhang hervor auf die Bühne treten und mitspielen konnte. Aber das Leben ging weiter und weiter, die Worte fielen nicht, und die Jahre sammelten sich an wie Dreck und Laub in einer Regenrinne. Eines Tages, genauer gesagt am Dienstag, den 18. Juni 1996, beschloss ich, dass die Sache ein Ende haben müsste, ein schlimmes oder eines, das ich mir nicht vorstellen konnte. Und ich ging in ein Reisebüro und kaufte mir einen Flugschein nach London, wie sich andere Leute einen Strick kaufen.