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Katrin Dorn

aus "Milonga" | Romanauszug


Klara schälte die Zwiebel weiter, feucht glänzend trat das weiße Fleisch unter der Schale hervor. Endlich nahm Tortuga den klappernden Deckel ab. Das Brodeln des Wassers erfüllte die ganze Küche. Tortuga wischte sich seine Hände an der Schürze ab und ging hinaus. Als er zurückkam, hatte er eine Schildkröte in der Hand. Er hob sie an den Hinterbeinen über den Topf, die Vorderbeine ruderten in der Luft, das Tier hob den Kopf nach oben.
"Was machen Sie da?" wollte Klara schreien, aber sie brachte kein Wort hervor. Sie drehte sich um und hörte ein lautes und furchtbares Zischen. Und dann hörte sie, wie der Deckel sich wieder schloss. Schweigsam begann der Alte die geschälten Kartoffeln zu vierteln. Klara hackte auf ihrer Zwiebel herum. Sie beugte sich tief über das Messer, damit ihr noch mehr Tränen kamen. So spürte sie ihre Übelkeit nicht.
"Sie war fünfzig", sagte Tortuga endlich. "Vielleicht hätte sie hundert Jahre alt werden können. Diese übrigen fünfzig Jahre schlummern noch als Energie in ihrem Fleisch, und durch das kochende Wasser bleibt uns diese Energie erhalten. Aber nur, wenn man das Tier lebend hinein wirft. Ich weiß, dass es nicht schön anzusehen war. Aber es ist nicht grausam. In der Natur geschehen noch viel grausamere Dinge." Wieder hörten sie eine Weile nichts als die Geräusche im Inneren des Topfes. In das Brodeln mischte sich ein Klopfen, das musste der Panzer sein, der gegen die Topfwände schlug. Später hob der Alte den Deckel hoch, in der Hand hatte er eine riesige Zange, mit der er das Tier aus dem Wasser fischte.
"Ich werde jetzt den Panzer aufsägen und das Fleisch herausholen", sagte er. "Geh nach draußen. Der Anblick ist nichts für dich."
Klara ging in das Zimmer, in dem sie gewohnt hatte. Auf dem Glastisch, der zwischen dem Sofa und den Sesseln stand, lag ein Buch. "Mi lucha" las Klara und erschrak. Noch nie hatte sie dieses Buch vor sich gesehen, noch nie in ihren Händen gehabt. Sie hatte nicht gewusst, dass es eine Übersetzung ins Spanische gab. Aus der Küche hörte sie die Geräusche der Säge. Ein hohles Ratschen drang zu ihr herüber. Wieso las Tortuga "Mein Kampf"? Zögernd fasste Klara das Buch an. Es war nicht einmal besonders alt. Die Seiten hatten nur einen ganz leichten gelblichen Schimmer, die Schrift war modern. Sie schlug es auf und versuchte, die ersten Zeilen zu lesen. Aber ihr gelang keine sinnvolle Übersetzung. Das Spanisch klang merkwürdig, einige Worte waren ihr fremd.
In der DDR hatte man Leute dafür verhaftet, weil man dieses Buch bei ihnen zu Hause gefunden hatte. Als Klara noch studierte, hatte sie eine Hausarbeit über Victor Klemperer geschrieben. Es schien ihr dafür notwendig, wenigstens ein paar Seiten von "Mein Kampf" im Original zu lesen. In der Deutschen Bücherei gab es ein so genanntes Gift-Kabinett, wo man offiziell verbotene Bücher unter Aufsicht lesen konnte. Aber nicht einmal dort durfte sie es lesen. Als sie sich darüber aufregen wollte, hatte der Mann von der Ausleihe sie beiseite genommen. Er war einer von diesen jungen Typen, die in der deutschen Bücherei arbeiteten, weil sie auf einen Studienplatz für Kunst oder für Psychologie warteten, oder weil sie bereits darauf verzichtet hatten, in der DDR zu studieren. Er meinte, wenn es ihr nur um die Sprache ginge, solle sie halt ein Parteiprogramm der SED lesen. Die Sprache, in der diese Dinger geschrieben seien, wäre doch ganz ähnlich. Er grinste vor Übermut. Es war nicht ungefährlich, so was an einem öffentlichen Ort zu sagen.
Klara hatte es aufgegeben. Und später hatte sie nicht mehr darüber nachgedacht, dass sie dieses Buch einmal lesen wollte. Wie sie überhaupt über vieles, was sie jahrelang beschäftigt hatte, nie wieder nachdachte.
Noch immer betrachtete sie das Buch, das auf dem Glastisch lag und überlegte, ob sie Tortuga fragen sollte, warum er es las, und vor allem warum er es nicht wegräumte. Er wusste doch genau, wen er heute Abend erwartete. Hatte er es absichtlich hingelegt? Aber was bezweckte er damit? Immer schneller ging die Säge in der Küche, ein hoher Ton, wie hohes heiseres Atmen drang zu ihr. Sie konnte das Buch einfach wegräumen. Sie nahm es und schob es in ein Bücherregal, mit der offenen Seite nach außen. Aber sie hatte das Gefühl, dass dieser Eingriff in Tortugas Haus unzulässig war. Sie legte das Buch zurück auf die Glasplatte. Das einzige, was ihr zulässig erschien, war, es umzudrehen. Mit der Titelseite nach unten und dem Buchrücken zum Fenster ausgerichtet, dorthin wo niemand sitzen würde.
Aus der Küche drang ein lautes Krachen, dann war es still.
"Fertig", rief Tortuga und Klara ging zu ihm zurück.