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"F. Lauritzen Bestattungen" | Romanauszug

F. Lauritzen Bestattungen hatte auf dem Schild gestanden, das im Fenster des Beratungszimmers hing. Ein kleines, schwarz-weißes Schild mit einer klaren Schrift. Mein Vater hatte es selbst entworfen. Meine Mutter fand es zu klein und hätte gern noch ein schwarzes Kreuz oder etwas Ähnliches zur Verzierung gehabt, aber mein Vater wollte es so diskret wie möglich. Diskret war sein Lieblingswort. Wenn man die Straße zum Strand nahm, die am Ortskern von Kleinwaabs vorbeiführte, ungefähr auf der Höhe des Neubaugebiets, lag das Haus mit dem Schild im Fenster auf der rechten Seite. Wenn jemand das Beratungszimmer von der Straße aus betrat, leuchtete in unserem Wohnzimmer ein Lämpchen. Dann zog mein Vater seinen Krawattenknoten zurecht und ging, um den Kunden zu empfangen. Meine Mutter hätte lieber eine hübsche Türglocke gehabt, die Meldelampe im Wohnzimmer störte sie, weil es nur eine Glühbirne war, auf eine Art Ständer geschraubt, mitten auf der Anrichte, und weil das Kabel unter der Decke verlief, wo mein Vater es mit Klebeband befestigt hatte. Aber mein Vater bevorzugte es, wie ein Geist aus dem Nichts aufzutauchen, diskret und allwissend.

Wir hatten nicht viele Kunden. Die alten Leute aus Kleinwaabs gingen zu den Bestattern in Eckernförde oder Damp, weil sie niemandem trauten, der erst so kurze Zeit im Ort wohnte wie wir. Und aus den Neubaugebieten starben nicht so viele. Da wohnten junge Familien in Häusern, die sie sich aus einem Katalog ausgesucht hatten, mit Gärten davor, in denen noch nichts wuchs außer ein paar kleinen Papiertütchen auf Holzstöckchen. Die Todesfälle im Neubaugebiet waren besonders traurig, und die übernahmen wir mit besonders viel Sorgfalt. Mein Vater spekulierte auf Stammkundschaft. Er machte sich nichts daraus, daß das Geschäft nicht gut lief, weil er wußte, daß er den Boden bereitete für die kommende Generation, also für mich. Wenn ich dreißig war, würden die Leute aus dem Neubaugebiet anfangen, eines natürlichen Todes zu sterben, einer nach dem anderen, und dann würden sie alle zu F. Lauritzen Bestattungen kommen, weil sie meinem Vater vertraut hatten und nun mir. Das war das Prinzip eines Familienunternehmens, und mein Vater hatte eines gegründet. Deshalb heiße ich Felizia. So brauchte ich später nicht mal das F. in F. Lauritzen zu ändern.
Meine Mutter fing im sechsten Monat an, Namen zu sammeln und eine Liste zu erstellen, die sie nachts unter ihr Kopfkissen schob. Friedrich, Fridolin, Frieder, Fileas, Ferdinand, Florian, Frederic stand auf der Liste. Als ich geboren wurde und ein Mädchen war, wußte sie keinen Namen mit F für mich. "Sag schnell was, dann kann ich gleich zum Standesamt und es anmelden", sagte mein Vater. "Felizia", sagte meine Mutter. Als mein Vater weg war, fielen ihr auf einmal viel schönere Namen mit F ein, aber es war zu spät. Und es war auch egal, solange mein Name nur F. Lauritzen war. Meine Mutter gab die Hoffnung nicht auf und behielt die Liste unter ihrem Kopfkissen, aber nach mir kam keiner mehr.

Mein Vater war ein kleiner Mann mit sehnigen Händen und ledriger Haut. Er trug dunkle Anzüge zu jeder Gelegenheit, und er war überall gleichzeitig. Er war Mitglied in jedem Verein, der ihm angemessen erschien, von der Knochenbruchgilde bis zur Eckernförder Beliebung. Er nahm mich mit, wann immer es passend und möglich war. Er bemühte sich, recht oft anwesend zu sein, damit die Leute sich an ihn gewöhnten. Er sagte selten etwas, es sei denn, jemand sprach ihn an, und er war stets höflich. Er brachte mir bei, daß es die wichtigste Disziplin eines Bestattungsunternehmers war, immer da zu sein, wenn man gebraucht wurde, sich aber nie in den Vordergrund zu spielen. Der bloße Anblick eines Totengräbers konnte eine ganze Partygesellschaft zum Schweigen bringen, andererseits konnte in extremen und schwierigen Situationen seine Anwesenheit augenblicklich Trost spenden. Mein Vater glaubte außerdem an die Wirkung der Werbung auf das Unterbewußtsein.
"Wenn einer von diesen Leuten hier einen Todesfall in der Familie hat, dann schlägt er das Telefonbuch auf, um ein Bestattungsunternehmen zu suchen und mit der Angelegenheit zu beauftragen. Und er wird uns anrufen", sagte er zu mir. "Denn wir sind in seinem Unterbewußtsein. Wenn er sich einen Bestatter vorstellt, dann erscheint sofort unser Bild vor seinem inneren Auge. So funktioniert Werbung, und deshalb stehen wir jetzt einfach hier herum und sind unauffällig sichtbar. Und jetzt sag mal: Hast du das verstanden, Felix?" Ich nickte.