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Tina Uebel

Tina Uebel

aus "Lucky Luke raucht nicht mehr" | Romanauszug

(aus der 1. Stunde)

... Erst mal das hier, und dann mal sehen. Mal sehen was passiert. Hier im Autohaus Röder in Langenhoop. Glaube nicht, daß der Herr Röder hier viele von seinen häßlichen gelben Autos verkauft. Im Moment erzählt er gerade dem Moderator-Joe irgendeinen Mist ins Mikro. Herr Röder ist auch ganz schön fett. Aber so ist das eben. Die Fetten verkaufen dann Autos am Arsch der Welt. Oder verkaufen eben keine. Herr Röder erzählt, daß das Autohaus Röder den Suzuku Dingsda, das tolle City-Funmobil gestiftet hätte, weil das eine so tolle Aktion ist hier, und es macht ihm einen Riesenspaß, und er hofft, wir und alle anderen hätten auch so einen Riesenspaß, hier im Autohaus Röder in Langenhoop. Jingle. "Riesenspaß". Sowas sagt doch kein Mensch außer fette Autohändler. Der sieht nach allem möglichen aus, aber nicht nach Riesenspaß, der Herr Röder. Der sieht eher so aus, als würde er sich irgendeinen Finger abhacken, nur damit er mal ein häßliches Auto verkauft. Gibt Leute, die machen sowas, Finger abhacken und dann Geld von der Versicherung. Ich weiß nicht, vielleicht würd ich das auch tun, wenn es viel, richtig viel Geld ist. Nicht für Zehntausend, aber für Hunderttausend, ich weiß nicht, vielleicht würde ich es tun. Zack, und dann bist du reich. Muß man natürlich mutig für sein, ein Loser bringt das nicht, klar. Kann man vielleicht mal dem Herrn Röder erzählen, daß er sich mal seine Finger versichern soll. Ob der das bringen würde? Ich glaub ja nicht. So wie der aussieht, bringt der das nicht. Wenn jemand sowas bringt, verkauft er keine Scheißautos in Langenhoop. Sind ja noch nicht mal richtige Autos, BMWs oder Mercedes, oder wenigstens VW. Dann würde ich's ja sogar behalten. Vielleicht krieg ich es noch nicht mal verkauft. Das wär natürlich richtig scheiße. Hier bei Herrn Röder siehts nicht so aus, als wäre das Teil ein Verkaufsschlager, kann man nicht sagen. Und Herr Röder sieht aus, als hätte er irgendwo irgendeine Scheißhypothek auf irgendein spießiges Scheißhaus mit irgendeiner häßlichen kleinen Frau drin. Und die Kinder heißen alle Rolf. Auch die Mädchen. Und wenn Herr Röder nicht zackzack ein paar Gelbautos verkauft, dann muß einer der kleinen Röderrölfe daran glauben, wegen der Versicherungssumme. So wie mit den Fingern. Zack. Und dann heult die häßliche kleine Frau. Tja, Herr Röder, dann ist aus mit Riesenspaß. Jingle. Und die erste Stunde ist rum, eine Stunde haben unsere sechs Hörer schon geschaft, eine Stunde haben sie es geküßt, unser tolles Funmobil von Suzuki, hier bei Powermix Radio im Autohaus Röder in Langenhoop, bei der großen Powermix-Aktion Küß dir dein Auto. Und jetzt können sie ihre erste Pause machen, unsere sechs Dauerpowerküsser, fünf Minuten, und dann heißt es wieder, küssen, küssen, küssen. Ruft Moderator-Joe. Eine Stunde. Schon. Erst. War bislang echt nicht das Problem, alles easy.

...

(aus der 1. Nacht)

Auf die Plätze. Jingle. Und sie küssen weiter, unsere unermüdlichen Powerküsser. Fertig. Ja. Superstimmung. Los. Hab ich geschlafen. Ich weiß nicht. Klick. Das ist Vaseline, ihre Stopuhr. Macht klick, hat klick gemacht. Ob ich geschlafen hab. Ich weiß es nicht, aber Pause hab ich gemacht, oder habe ich Pause gemacht, ich weiß nicht. Ja, ich glaube ja. Bin ich nicht eben weggegangen. Ich muß geschlafen haben, hab ich das. Hab ich wohl, doch, da standen Liegen, hinten. Wie lange, wie lange hab ich geschlafen. Wieviel Reserve hatte ich, wieviel hab ich geschlafen, wieviel ist übrig. Wieviel übrig ist, das muß ich wissen, ich muß das unbedingt wissen, unbedingt. Die Reserve. Die ist doch wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Meine Reserve, meine Zeit. Zu wichtig, um zu schlafen, wie lange ich geschlafen hab, fünf Minuten oder zehn oder noch mehr, wieviel hatte ich. Geschlafen, wo doch die Zeit viel zu kostbar dazu ist. Ich bin müde, so müde, warum schlaf ich, warum lassen sie uns schlafen, wenn es hinterher nur schlimmer ist als vorher. Haben die anderen auch geschlafen. Irgendwer schon, irgendwer lag auf der anderen Liege. Hätte nicht schlafen sollen. Wegen der Reserve, und überhaupt. Ich hätte rauchen können, aufs Klo. All sowas. Wenn ich nicht zu müde gewesen wäre. So müde, konnt ich nicht denken. Hat mich eine der Vaselinen geweckt, wie ist das gewesen. Muß wohl, ich steh ja wieder hier. Ob ich überhaupt weg war, vielleicht hab ich das nur geträumt. Bin vielleicht eingeschlafen und hab geträumt, daß ich schlafen geh. Ob die Vaselines jemals schlafen. Vielleicht nicht, vielleicht sind das Roboter, Cyborgs, terminatormäßig, vielleicht schlafen die nie. Oder es sind andere als vorhin, sie wechseln immer neue ein, man merkts bloß nicht, weil die alle so gleich aussehen. Aber Autohaus-Röder ist schlafen gegangen, bestimmt, in sein Hypothekenhaus zu seiner Frau, die abends weint im Bett, weil das alles nicht so ist, wie sie sichs mal vorgestellt hat. Morgen früh kommt er wieder, nach dem Frühstück, ausgeschlafen, ich möchte auch ausschlafen, ist wie tausend Jahre her, daß ich geschlafen habe, wie lange das her ist. Dann küßt er seine traurige Frau, bevor er geht, und fährt hierher, mit irgendeinem Suzuki, der gern ein Benz wäre, es aber nicht ist. Weil, Röder wär gern wer, der einen Benz fährt, der keine alte traurige Frau hat sondern eine junge frohe, aber seine Frau bleibt am Küchentisch sitzen und guckt auf die Cornflakesteller von den Kindern, die zur Schule sind und die sie nicht wirklich leiden können, und in Röders Kaffeetasse, und dann weint sie nochmal, weil sie das inzwischen so gewohnt ist. Und Röder kommt hierher, hofft, daß Samstagmorgen lauter Leute da sind, die alle häßliche Funmobile von ihm wollen, damit er sich einen Benz kaufen kann und eine frohe Frau, aber da sind keine Leute, da sind nur wir. Plus die Vaselines und Joe, aber die wollen auch alle nur Benze. Und alles Mögliche andere, bloß nicht das hier. Wir wollen alle nur, daß es aufhört. Bald. Wann es wohl aufhört. Ich bin so müde. Und Röder sieht, daß er keine Autos verkauft, und die Vaselines sehen, daß sie keine Radioshow kriegen werden und Joe kommt auch nicht zum Fernsehen, alle sind wir nur müde und wollen nach Hause, Cornflakes essen und weinen und schlafen.

...
(aus der 2. Nacht)
Bin ich eben allein, ich zieh das auch allein durch. Wie Mel Gibson in der Wüste. Traut keinem anderen, weiß schon warum. Der zieht das durch, allein, und am Ende gewinnt er, weil er der Harte ist. So mach ich das auch. In der Wüste. Wenn sowieso fast alle tot sind und fast überall ist es leer und feindlich. Muß man ein Auto haben, selbst so ein Scheißsuzuki ist dann besser als nichts. Ist immerhin nicht mehr gelb, nicht so'ne Mutantenzitrone auf Rädern, sondern staubig, ich hab überall Metall drangeschraubt, weil ich mich verteidigen muß, gegen die anderen, die mir alles wegnehmen wollen. Alles was ich hab, was ich brauche. Wo ich ein Recht drauf hab. Es sind Zacken dran, vorne, damit kann ich sie überfahren und gleichzeitig aufspießen. Zack und weg und sie sind tot. Bin ich allein, aber 'n Fighter, ich schaff das schon. Auch wenn mir alles weh tut, es ist am Tag zu heiß und in der Nacht zu kalt, weil, so ist das in der Wüste. Nie kann man schlafen, denn wenn man schläft, dann kommen sie und nehmen einem alles weg. Deshalb ist man immer müde, immer, so müde. So müde, daß man fast einschläft, wenn man mit dem Auto durch die Wüste fährt, man sieht sie verschwommen, die Wüste, weil man müde ist und die Scheiben staubig. Aber ich fahr weiter, weil ich muß, man kann ja nicht anhalten, weils hier nichts gibt. Muß man immer weiter, auch wenn man nicht weiß, was kommt. Die Wüste ist ganz sandig. Kann man sehen, wie die Luft überall flimmert. Und man ist müde und durstig und kaputt, aber man fährt und hält nicht an. Nicht, bis man irgendwo ist. So lange fahr ich. Nur Loser halten an, aber wenn sie anhalten, sind sie zu müde um weiterzufahren, dann müssen sie verdursten und sterben, mitten in der Wüste, wo nie jemand hinkommt, keine Leute und kein City TV und gar nichts, es gibt ja sowieso fast keine Menschen mehr, nur noch Sand, überall Sand. Der flimmert in der Hitze. Sie sterben dann im Sand, und keiner wird wissen, wer sie gewesen sind und daß sie überhaupt da waren. Der Sand weht über ihre Knochen, die gucken schließlich nur noch ein bißchen raus, in Comics ist das immer so, in der Wüste, westernmäßig, wie bei Lucky Luke. Der hat früher geraucht, aber jetzt nicht mehr, jetzt haben sie ihm stattdessen einen Grashalm gezeichnet, statt der Zigarette. Ich würde gerne eine rauchen, ich wünschte, ich könnte. Und Lucky Luke raucht nicht mehr. Es liegen Skelette im Wüstensand, halb verweht. Kühe meistens, glaube ich. Lucky Luke raucht nicht mehr. Noch nie drüber nachgedacht. Wenn ich älter bin, kann ich auch nicht mehr rauchen. Wenn man älter ist, kriegt man Krebs davon. Muß ich stattdessen Grashalme kauen. Haben sie bestimmt mit Computer reingezeichnet, in die Comics, mit Computern kann man fast alles machen. Man kann soviel machen, bald wird man an allem was machen können, was krank und scheiße ist, das wird es dann alles irgendwann nicht mehr geben. Wird alles gut sein, muß ich keine Angst mehr haben. Aber ich hab keine Angst, nicht mal, wenn ich allein bin, in der Wüste. Vor nichts und niemand. In der Wüste. Dann schlafe ich mich richtig aus, Lucky Luke sitzt währenddessen am Lagerfeuer und raucht seinen Grashalm und paßt auf mich auf. Daß mir nichts passiert. Während ich schlafe. Wenn es dunkel ist, dann schlafe ich, da kann nichts passieren. Bis es wieder hell wird. Ist es hell, hat man keine Angst. Im Hellen passiert mir nichts. Nur wenn es dunkel ist. Dann kommen die Daltons. Dann kommen die Daltons und wollen mich holen, aber sie kriegen mich nicht, denn mein Auto fährt zu schnell. Ich fahr über den flimmernden Sand, so schnell, in meinem staubigen Auto, das früher mal gelb war, früher, als noch nicht alles weg war, das ist lange her, wie lange das her ist. Im Rückspiegel reiten die Daltons, sie tragen gestreifte Sträflingsanzüge aus Leder mit Nieten und Federn und Knochen daran, sie sind hinter mir her und sie haben alle Krebs, man kriegt Krebs von den Daltons und die Pest, es sind gar nicht die Daltons, die sind doch eigentlich lustig, aber die hier sind nicht lustig und auch nicht gestreift, sie sind böse und haben keine Gesichter, wie die aus Herr der Ringe, nur schlimmer. Noch schlimmer, viel schlimmer. Ich kann sie im Rückspiegel lachen hören, sie rufen nach mir, sie rufen, halt an, halt es an, dein cooles gelbes Funmobil von Suzuki, halt es an, weil es gar nichts bringt, wegzufahren. Gibt nichts, wo du hinfahren könntest, es gibt gar keine coolste Aktion der Stadt, denn es gibt keine Städte mehr. Und alles bringt alles nichts, Supergirl, also halt an, merkst du nicht, wie müde du bist und wie das Kreuz dir wehtut und daß deine Beine zittern. Wir haben Zigaretten für dich und Brötchen und Krebs und ein kaltes Bier, aus dem Eisfach. Es ist Frau Röder bei ihnen, sie weint nicht mehr, guck, sagen sie, Frau Röder weint nicht mehr und Lucky Luke raucht nicht mehr, es ist eine Superstimmung hier. Bei uns. Und sie haben keine Gesichter. Hier im Autohaus Röder.