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Stefan Beuse

aus: "Alles was du siehst" | Romanauszug

1.

Seit drei Monaten kannte ich nur seine Stimme, und obwohl ich ihn mir nie vorgestellt hatte, war ich überrascht von dem Mann, der am Flughafen auf mich wartete. Nicht, weil er dem Bild eines Professors widersprochen hätte, sondern weil er im Gegenteil genau so aussah, wie man sich einen Gelehrten vorstellt: Leicht nach vorn gebeugt und etwas windschief, die Arme verschränkt, als müsste er sich selbst festhalten; eine große, knochige Gestalt, die mitten in der winzigen Halle von Ithaca Airport stand und von der ich nie gedacht hätte, dass es sich um denselben Mann handeln könnte, der mich hierher bestellt hatte. Doch abgesehen von einer schattenhaften Frau, die den Bistrotisch eines verwaisten Stehimbisses abwischte, war niemand mehr da; meine De Havilland Dash-8 Turboprop aus Philadelphia war die letzte Maschine gewesen und der Rest der Passagiere längst im wirbelnden Schnee verschwunden. »Blizzard«, hatte die Frau von der Gepäckermittlung gesagt und dazu mit den Schultern gezuckt. »Passiert in dieser Zeit öfter. Manchmal landet hier drei, vier Tage lang gar nichts; seien Sie froh, dass nur Ihr Gepäck den Anschluss nicht geschafft hat, sonst säßen Sie jetzt in Philadelphia fest ...« Schon nach dem ersten Anruf des Professors hatte ich meine Wohnung gekündigt. Seine Einladung war wie die Erlaubnis gewesen, endlich nach Hause kommen zu dürfen, obwohl ich in ein Land flog, in dem ich noch nie gewesen war. Alles Wichtige hatte ich in meinen Rucksack gepackt und den Rest abholen lassen, von einem Händler, dessen erstes Angebot ich akzeptiert hatte; auch die Möbel. Ich besaß gerade soviel, wie ich in fünf Minuten zusammenraffen und forttragen konnte, das war immer so ein Grundsatz gewesen, ich wollte die Dinge nicht unnötig kompliziert machen. Doch jetzt hatte ich nur noch die Bücher in meinem Handgepäck, und mit denen konnte ich mich weder waschen, noch konnte ich sie anziehen. »Heißt das, dass ich bis morgen auf meinen Rucksack warten muss?«, fragte ich. »Wenn ich Pech habe, sogar bis übermorgen?« »Nein«, hatte sie gesagt und gelächelt: »Wenn Sie Pech haben, warten Sie zwei Wochen. Wenn Sie Glück haben, finden Sie heute noch ein Taxi, das Sie da hochfährt.« Ich gab ihr die ausgefüllten Formulare zurück und legte eine Fünfdollarnote dazu, weil ich gelesen hatte, dass man das hier so macht. Natürlich wusste ich, dass das die Sache nicht beschleunigen würde. Dass es absurd war, die Fluggesellschaft gewissermaßen als Belohnung dafür, dass sie mein Gepäck verloren hatte, auch noch zu bezahlen. Aber es gab mir ein besseres Gefühl. Das Gefühl, alles getan zu haben, was in meiner Macht stand.

Wir mussten ein sonderbares Bild abgeben, wie wir aufeinander zuwankten, in der neongrünen Trostlosigkeit dieser verlassenen Halle: der Professor mit den ungelenken Schritten einer Marionette, ich steif gesessen von insgesamt über vierzehn Stunden Flug, schief gedrückt von der schweren Tasche über meiner Schulter. Nicht mal eine Zahnbürste hatte ich in mein Handgepäck gesteckt, und ich verfluchte die Entscheidung, sogar Laptop und Fotoapparat im Rucksack verstaut zu haben.
»Willkommen in Ithaca.« Die Stimme des Professors klang, als hätte sie sich durch enge Windungen quälen müssen; sie passte weder zu der zerbrechlichen Erscheinung, noch zu seinen Augen, die im Zusammenspiel mit den struppigen Brauen, den fahrig nach hinten gestrichenen Haaren und seinem nachlässig gestutzten Bart fast spitzbübisch wirkten: Ich war überrascht von ihrer Lautstärke, dabei hatten wir so oft telefoniert, dass ich mich eigentlich daran gewöhnt haben musste.
»Tut mir Leid, dass ich spät bin.« Ich schüttelte die Hand des Professors, die warm war und fest: »Mein Gepäck ist nicht mitgekommen; ich musste pausenlos Formulare ausfüllen und mir anhören, dass es vermutlich Tage dauert, bis es gebracht wird.«
Der Professor starrte auf etwas hinter meinem Rücken. Vielleicht hatte er mich nicht richtig verstanden. Oder er war durch was immer er sah so abgelenkt, dass er mich gar nicht mehr wahrnahm.
»Na ja«, sagte ich, »Rasierzeug kann ich zur Not nachkaufen, und an der Universität gibt es bestimmt einen Computer, den ich so lange benutzen darf ...« Der Professor stand noch immer wie versteinert. Ich drehte mich um, sah aber nichts Besonderes. Vielleicht hatte ich einfach zu leise gesprochen. Eine Nacht und einen Tag hatte ich mich nur durch Gesten verständigt; nein, kein Kopfhörer für mich, ja, ich nehme noch einen Kaffee, natürlich können Sie abräumen, ich rühre das Essen auch später nicht an, und eine Decke wäre gut. Ich hatte mich wohl gefühlt in der Welt jenseits der Worte und fand es anstrengend, sie wieder verlassen zu müssen.
»Kommen Sie.« Auf einmal drehte er sich um und machte eine Geste, die momentlang ausgesehen hatte, als wollte er mich auffordern, seine Hand zu nehmen. »Kommen Sie, wir sollten längst da sein.«
Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging voraus, die Schultern hochgezogen, den Kopf leicht nach vorn geneigt: Professor Lawrence Ludwig Nunn kam mir vor wie aus Elementen zusammengesetzt, die zu keiner Einheit finden wollten, seine taumelnde Art zu gehen wie eine logische Konsequenz mangelhafter Verschraubung. Er trug eine grob gegerbte braune Lederjacke, und am Ende seiner stelzendünnen, von etwas zu kurzen Anzughosen umschlotterten Beine Halbschuhe, die nicht nur zu kalt für die Jahreszeit waren, sondern mindestens zwei Nummern zu groß, was den holzpuppenartigen Charakter seines Gangs noch verstärkte. Spätestens jetzt, dachte ich, wäre es an der Zeit, ihn auf meinen Auftrag anzusprechen. Bisher wusste ich nur, dass es um die angebliche Zwillingsschwester dieses Verrückten ging, Aaron Singer, ein Schriftsteller, der sich vor wenigen Wochen den Kopf weggeschossen hatte. Doch der Professor stolperte so schnell voran, dass ich kaum Schritt halten konnte. Ich folgte ihm zum Ausgang, dem Schneesturm entgegen, der mir schon während des Fluges die Sicht auf das Appalachenplateau und die Finger Lakes genommen hatte, jene seltsame Formation von Seen in der Mitte des Staates New York, die auf der Karte aussahen wie Kratzspuren einer Pranke, die verzweifelt nach Halt gesucht und sich dabei tief ins Sedimentgestein gegraben hatte, in ein von Trogtälern durchzogenes ehemaliges Gletschergebiet.