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Friederike Trudzinski

Friederike Trudzinski

aus "Keine Angst" | Erzählung


Es schneit.
Es schneit nicht einfach.
Schneefelder fallen vom Himmel.
?Horrorschnee,? schlagzeilt der Pro7-Sprecher.
Ich habe keine Lust fernzusehen, weil meine Mutter mitguckt. Sie hat sich neben mich gesetzt, macht Liebesyoga und versucht, die Zeit der Schneekatastrophe zu nutzen um eine Beziehung zu mir aufzubauen. Ihre Anwesenheit stört mich beim Fernsehen. Ihr Arm versperrt mir die Sicht auf die zugeschneiten Straßen und die Fernsehreporter, die, vielleicht als die letzten Menschen überhaupt, draußen sind. Dick eingepackt, Probleme mit ihrer freundlichen Reportermimik, weil die Gesichter eingefroren sind, sogar Probleme mit dem Sprechen. aber draußen und lebendig und präsent.
Nur meine Mutter ist präsenter.
Aber die möchte ich nicht ansehen. Sie sieht nicht gut aus.
Dünn und immer in enger Sportkleidung, die eine Körperalterung abzeichnet, auf die sie gelernt hat stolz zu sein, durch Meditation. Ihre Haut glänzt fettig, die großen Poren wiederholen die Abwärtsbewegung ihrer Mundwinkel, gegen die auch Lachyoga nichts mehr ausrichten kann. Die grau-braunen Haare fallen glanz- und formlos über ihre kantigen Schultern. Es sterben sogar Menschen durch den Schnee: Obdachlose erfrieren, Autounfälle enden tödlich, Versorgungsprobleme raffen Alte und Kranke in ländlichen Gegenden dahin. Die Fernsehsprecher zeigen echtes Mitleid. Im ZDF muss ein Moderator sich eine Träne aus dem Augenwinkel streichen.
Ich stehe auf, um in mein Zimmer zu gehen.
Auf der Treppe häufen sich Porzellanschalen mit nassen Teeblättern und kalten, letzten Schlücken. Ich sammle sie ein und stelle sie auf das Telefontischchen im Flur, bevor ich in mein Zimmer gehe. Ich starre aus dem Fenster auf die Schneeflocken und warte, darauf, dass sich irgendwas aus dem nicht aufhörenden Fallen herausschält. Ein Ungeheuer vielleicht. Oder ein Eisprinz. Ich warte, bis die Hitze der Heizung den Stoff meiner Jeans durchdringt und unangenehm wird, dann räume ich ein bisschen auf. Die Anziehsachen in den Ecken, die Papierstapel auf meinem Schreibtisch, neben meinem Bett, auf dem Boden. Ich lege neue Stapel an, lese mich an alten Briefen fest, finde eine Geburtstagskarte, die mir Sven, geschrieben hat, das ist mein Exfreund, schmunzle über alberne Zettelchen, die Schulfreundinnen mir während des Unterrichts herübergereicht haben. Nach einer Dreiviertelstunde steht meine Mutter im Türrahmen. Sie muss die Tür sehr leise geöffnet haben. Plötzlich ist sie offen, meine Mutter steht im Türrahmen und sagt: ?Ob mit Wolfgang alles in Ordnung ist??
Wie man eine Frage schon so rhetorisch formulieren kann ... Ich glaube grammatikalisch ist die Antwort ?ja? überhaupt nicht möglich. Aber sie braucht ja keine Antwort. Sie braucht nur die Worte in ihrem Mund ?Wolfgang? und ?Ordnung.? Und das dann so oft wie möglich. ?Ja, Glaub ich schon,? sage ich. Das glaube ich wirklich. Papa ist der letzte Mensch, um den man sich Sorgen machen muss. Er ist in der Schweiz, in einem Hotel und um ihn herum sind lauter kluge Männer. Was sollte da passieren? Meine Mutter guckt mich an. Ein langer, müder, ein enttäuschter Blick. Dann geht sie in die Küche und macht sich einen Tee. Ich höre den kleinen Wasserkesselvogel pfeifen. Lauter und lauter. Ganz schrill. Es dauert eine Ewigkeit bis sie den Kessel vom Herd genommen hat und der Vogel Ruhe gibt.