Literaturpreise-Hamburg.de

Christiane Bergfeld
Nikolaus Palézieux
Birgit Schmitz
Verena Carl
Ulrich Diehl
Guido Geist
Sasche Piroth
Aymone Rassaerts
Sonja Roczek

Verena Carl

aus: "Die Liebe der Museumswärter" | Roman


Heute ist einer dieser Tage, an denen ich früher damit begonnen hätte, auf etwas zu warten. Mitten im Januar hat sich ein Vogel in meinem Hinterhof verirrt und singt, der Himmel schimmert durch Wolkenfetzen hindurch wie durch ein poröses Stück Leinwand. Früher, da hätte ich sofort das Fenster aufgemacht und dem unruhigen Schatten meiner Haare an der Hauswand zugesehen, früher hätte ich Milch gewärmt in einem Emailtopf und eine Platte aufgelegt mit einem Stück, das genau eine Zigarettenlänge dauert. Ich greife nach der Fernbedienung auf dem Nachttisch, richte mich etwas auf und schalte den Fernseher an. Auch im Fernsehen ist es Morgen. Ich muss aufstehen. Ich muss Wasser aufsetzen und einen Teebeutel in eine Tasse hängen. Meine Haare kämmen: kleinfingerkurze Strähnen, darunter mehr und mehr graue. Danach meine Uniform anziehen: dunkelblaue Jacke, weiße Bluse, graue Hose, schwarze Schuhe. Es wäre auch erlaubt, einen Rock zu tragen. Die neuen Uniformröcke sind figurbetont, knielang, die Kolleginnen haben sich gefreut, als die Museumsleitung sie eingekauft hat. Frauen, die sich wie weichgezeichnete Porträts in den Rahmen der Gemälde spiegeln, sich auf eine ganz bestimmte Weise hinstellen, eine Hand in der Hüfte, ein Bein ausgestellt, wenn sie glauben, dass niemand hinsieht. Frauen, die sich beschweren, wenn man sie als Wärterin tituliert. Die darauf bestehen, "Aufsicht" genannt zu werden. Ich nicht. Ich bin eine Wärterin, so wie das heißt im Zoo, oder wie im Gefängnis. Wärterinnen tragen keine Röcke.
Um 9.27 fährt die Straßenbahn in Richtung Innenstadt. Um 9.24 verlasse ich das Haus. Nie gehe ich auf die Straße, ohne mindestens ein Druckerzeugnis unter dem Arm oder in meiner Tasche zu haben. Gewöhnlich sieht man mich mit einer Zeitung in der Hand. Es ist nötig geworden, weil ich es nicht mehr ertrage, aus den Straßenbahnfenstern zu schauen. Die Zeitungen und Zeitschriften, leicht zu tragen und leicht fortzuwerfen, machen mich zu einer Durchreisenden, machen die Stadt, in der ich jeden Tag meine Wege zurück lege, so unwirklich wie den Transitbereich eines Flughafens, und nur in diesem Gefühl ist es mir erträglich, zu leben.
Neben mir an der Haltestelle wartet eine Frau mit einer blauen Handtasche. Sie öffnet sie, kramt darin und fischt schließlich eine Haarbürste heraus. Mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand umfasst sie die Borsten, zieht ein Büschel blonde Strähnen heraus und lässt sie mit einer eleganten Bewegung in den Rinnstein fallen. Ich frage mich, ob es einen Menschen in ihrem Leben gibt, dem sie diese Strähnen zum Geschenk machen könnte. Der sich sogar vor ihr auf die Straße werfen würde um zu verhindern, dass die goldblonden Fäden im Staub landen. Für sie ist das Haarbüschel nichts weiter als ein Lebensrest, ein Stück Abfall. Kein Mensch liebt sich selbst so sehr, dass er Erinnerungen an sich sammelt, an seinen eigenen sich verbrauchenden Körper. Es sind nur Liebhaber, die Haare ihrer Angebeteten aufbewahren, Mütter, die die Milchzähne ihrer Kinder auf Wattebäuschchen in kleinen Pappschachteln aufbahren. Die Straßenbahn kommt, ihre hydraulischen Türen öffnen sich mit einem leisen Pfeifen, ich steige ein und schlage eine Seite meiner Zeitung auf, ohne zu lesen.

Wir können unser Leben immer nur in Zwischenstadien betrachten, so wie ein Bild, das noch in Arbeit ist. Je mehr davon entsteht, desto genauer meinen wir zu wissen, was davon eine Bedeutung hat. In jedem Stadium glauben wir, eine Ahnung vom Plan des Künstlers zu haben aufgrund der Dominanz einer Farbe, der Zwangsläufigkeit einer Linie, der Wechselwirkung von Licht und Schatten. Doch all das kann schon in Zusammenhang mit dem nächsten Arbeitsschritt bedeutungslos werden, also bereits nach ein paar Jahren, vielleicht sogar Monaten oder gar Tagen. Wenn wir jung sind, fragen wir nicht nach dem ganzen Bild; in der Lebensmitte glauben manche noch, es könnte etwas darstellen, wenn es fertig ist, oder wenigstens ein Muster bilden. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto stärker fürchte ich, dass mein eigenes Leben nichts ist als Zufallsmalerei ohne die ordnende, die gestaltende Hand eines Künstlers. Ich bin fast vierzig Jahre alt und fürchte mich vor den Reisen durch die Stadt, der Straßenbahnfahrt zwischen meiner Dachwohnung in einem Haus aus schwefelgelben Ziegeln und dem Museum kurz hinter der Stadtmauer. Ohne Wände um mich herum bin ich verloren. Die Straßen sind Einflugschneisen für das Unbekannte, die Bäume mit ihren Lichterketten Projektionen in einem dunklen Raum.
Früher ja, früher habe ich in der Stadt leben können, habe sie sogar gemocht. Es ist eine Stadt, in der Samstag mittags alte Männer ihren Frauen aus den Mänteln helfen in Gaststätten mit Wandborden voller Zinnkrüge und Sammelteller. Voller Gaststätten, in denen Wein in Gläsern mit grünen, geriffelten Stielen serviert wird und Stammgästen eine Nudelsuppe gebracht gibt, die nicht einmal auf der Speisekarte steht. Es ist die Stadt der Galerien mit schäbigem Parkett, in denen Rotwein aus Wassergläsern serviert wird und die Frauen Kleider tragen, die aussehen, als seien sie Mitbringsel von lang vergangenen Weltreisen.
Vielleicht könnte ich noch immer wachen Blickes durch diese Stadt gehen, hätte nicht die Anwesenheit eines anderen Menschen meinen Aufenthalt in dieser Stadt vergiftet. Eines Menschen, der eines Tages die gleiche Straßenbahn wie ich benutzen könnte, auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist. Der Gedanke lässt mich nach immer größeren Zeitungen suchen. Die größte, die ich finden konnte, habe ich abonniert. Hinter ihr kann ich mich verstecken, wenn es unumgänglich wird, morgens meine Wohnung zu verlassen und abends das Museum.