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Andreas Löhrer

aus: Die barfüßige Witwe vonSalvatore Niffoi


An einem Junimorgen brachten sie ihn mir nach Hause, abgeschlachtet und mit Axthieben zerlegt wie ein Schwein. Kein einziger Blutstropfen war in ihm geblieben. Zwei Seiten, die zu verbinden selbst ein Knäuel schwarzen geteerten Fadens nicht ausgereicht hätte, den die Schuster für das Kalbsoberleder der Schuhe benutzen. Der Hund lief um den Mispelbaum herum und knurrte wie verrückt vor Angst. Ich legte ihn im Hof auf den Tisch aus Granit, den für die großen Feste, und wusch ihn mit dem Wasserstrahl aus der Pumpe. Die Augenbrauen verklebt, dunkle Klümpchen in den Augenhöhlen, Erde und Stroh in den Rippen, in den Eingeweiden, grüne Fliegen überall. Pah! Verflucht sei, wer ihm die Brust aufschlitzte, um ihm mit den Händen das Herz herauszureißen und es wie einen Ball aus Lumpen mit Füßen zu treten! Micheddu, amore meu, der du gutmütig warst wie das Jesuskind, das auf der Kuppel der Kirche von Su Rosariu thront, diese Banditentat wird jemand in klingender Münze bezahlen, wer dich so zugerichtet hat, soll am Messer oder an Schrotkugeln krepieren. Das Herz spülte ich ihm getrennt ab, mit Wasser und Essig, dann wickelte ich es in geöltes Papier und legte es ihm unter das Polster des Sarges.
O je, amoreddu meu adorau, mein angebeteter Liebster, da haben sie etwas Schönes angestellt, dich so zuzurichten! Die Mama del Sonno soll mit fortnehmen, wer dir übel wollte! Ich weiß, nicht einmal Tiere wäscht man so, doch ich wollte nicht, daß andere Hände Micheddu anfassen: mir hatte er als Lebender gehört, meiner blieb er als Toter. Zuerst die eine Hälfte, dann die andere, mit bloßen Händen und mit der Kraft meiner Arme legte ich ihn in den Sarg und bedeckte ihn mit einem der Leinenhemden von Mannai Gantina. Er war starr wie ein Korkeichenstamm. Ihm das Gewand aus schwarzem Samt mit den Noppen und das gute Hemd anzuziehen, das habe ich nicht geschafft. Die ihn gesehen haben, sagten, die rechte Seite sei nicht seine, weil ihm das Auge purpurrot geworden war und er es halbgeschlossen hatte, als wollte er dem Tod zunicken.
Es war ein schlimmer Sommer. Über der Hochebene von Monte Leporittu hielt ein rauher Wind den Habicht im Nest, die Amsel in den Brombeerhecken, die Nattern in den Binsen fest. Die Sonne war wie eine glühende Glaskugel, die verbrannte, was sie berührte. Die Glocke der Hauptkirche hatte vor dem Hahnenschrei begonnen, das Memento zu läuten. Ihre langsamen, harten Schläge sind mir wie Hiebe in die Brust in Erinnerung geblieben. Dong, dong, dong, dong. Der Klang der Glocke verlor sich in der Luft und führte Micheddus Seele immer weiter fort. Der Hund war stehengeblieben und grub mit der Schnauze ein Loch in die Erde bei den Pfingstrosen, um seinen Kopf darin zu verstecken. Damit Daliu, unser Kind, nicht sah, was sie seinem Vater angetan haben, nahm Tzia Brasiedda es auf den Arm und brachte es zu Verwandten in die Gemarkung Sas Istajeras. Fort, meine Seele, fort von diesem Rauschen von Röcken und Gamaschen. Fort, denn du sollst nicht diesen Todeshauch einatmen, der einem mit seinem süßlichen Geruch nach Pflaumen und Myrte die Nase hinauf und dann in die Lungen hinabsteigt. Fort von den beklagenswerten Überresten deines Vaters, denn der Gedanke daran könnte deine Erinnerung an ihn verletzen und dich vor der Zeit in den Wahnsinn treiben.
Ich habe nicht eine einzige Träne vergossen.
Es war nicht aus Lieblosigkeit, wie manches Schandmaul dachte, und auch nicht, weil ich endlich zu leiden aufgehört hätte, wie manche alte Schlampe aus der Gemarkung Pedi Pudios sagte. Ich weinte innerlich, denn ich empfand große Liebe zu meinem Mann, und wenn er auch nicht Mehl war, aus dem man Hostien buk, so hatte er doch nie jemanden getötet und hat dieses Ende nicht verdient.
Pah! Verflucht sei, wer ihn so zugerichtet hat! Hätten sie ihn mit einer Salve in den Rücken getötet, würde ich weniger leiden. Doch verdammt!, sie haben ihn mir absichtlich so entstellt, um mir zu verstehen zu geben, was ich laut ihnen verstehen sollte.
„O je, Micheddu, der du eine junge Witwe und ein kleines Waisenkind hinterlassen hast.
Ora pro nobis, miserere nobis. Christus, höre uns. Christus erhöre uns.
O Deus, Babbu Mannu, Allmächtiger Vater, tröste mit der Kraft Deiner Liebe die Hinterbliebenen und erleuchte das Leid mit der ruhigen Gewißheit, daß unser Bruder Micheddu, von Mörderhand seinen Lieben entrissen, für immer glücklich neben Dir lebt. Amen.
O Christus, der Du für Deine Mörder um Vergebung batest und dem reuigen Räuber Dein Reich versprachst, mach, o guter Hirte, daß Micheddus Seele in der himmlischen Seligkeit dein Angesicht schaue.“
Die Klageweiber sorgten dafür, auf die in aller Eile weiß getünchten Wände die üblichen Schreie und Litaneien zu verteilen, die man niemandem verweigern kann, nicht einmal den Hunden. Vergebung? Bei uns in Taculè werden Verfehlungen immer mit Zinsen zurückgezahlt und ein grundlos ermordeter Toter zieht immer andere nach sich, kaum daß man wieder zu sich gekommen und das Blut getrocknet ist, und bumm, verrecke Miststück, du hast es so gewollt! Mein Schwiegervater Grisone Lisodda, bekannt als Secchintrese, küßte ihm die erstarrte Wange und flüsterte ihm, als würde er noch leben, ins Ohr:
„Izzu meu adorau, custa la pacana cara! Mein geliebter Sohn, das werden sie teuer bezahlen! Keine einzige Wurzel werde ich von diesen Schurken übriglassen!“