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Katrin Seddig

Miriam Mandelkow

aus: Elisa Albert, Das Buch Dahlia. München: dtv premium, 2009.

Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch

Dahlia hatte vor einigen Wochen den GRE abgelegt und ruhte sich seitdem auf ihren welken Lorbeeren aus: Für diesen Einheitstest – der so beispiellos uninteressant war, dass sie ihre Kopfschmerzen ebenso gut auf das Bemühen ihres Hirns zurückführen konnte, wertlose Informationen abzustoßen – hatte sie (ansatzweise) gelernt, und ausgefüllt hatte sie ihn auch noch. Beschissener GRE. Studienzulassung. Kaum angerührte Handbücher stapelten sich in einer Ecke unter irgendwelchen Krankenversicherungsformularen und Kreditkartenangeboten, die sie irgendwann zu bedenken gedachte.
    Wozu der GRE? Sozialpädagogik vielleicht. Da konnte sie sich mit Drogenabhängigen zusammentun oder misshandelten Frauen. Den Gebrochenen, den Abgefuckten, den total Gebrochenen, den restlos Abgefuckten. Durchaus machbar. Vielleicht war sie ja berufen. Vielleicht wäre sie dann glücklich, selbstbestimmt, erfüllt, der Menschheit von Nutzen. Vielleicht wäre ihr Vater dann stolz auf sie. Dass Margalit stolz auf sie sein könnte, hatte sie mehr oder weniger abgeschrieben; dass sie ihr länger als eine Minute zuhörte, ehrlich gesagt auch.
    Jedenfalls war es an der Zeit, etwas mit sich anzufangen. „Wie sieht dein Schlachtplan aus?“, fragte Margalit gern. Als wäre das Leben ein langer Kampf, den es sorgfältig zu dirigieren galt.
    Zwischendurch hatte Dahlia mit dem Gedanken gespielt, Rabbinerin zu werden. Eine Kanzel würde ihr Gelegenheit geben, den talmudischen Stab über Leute zu brechen, die sie ankotzten, außerdem ein bisschen an sich zu arbeiten und auf alles eine Antwort zu finden. Eine coole Rabbinerin wäre sie, ein echter Mensch, eine bekiffte, popkulturell versierte Universalistin. Nur, Herrgott verdammter: Danny war Rabbiner. Ihr Flachwichserbruder, der Rabbiner! Bevor diese ganze Idee überhaupt geboren war, gab sie ihr schon den Rest. Und alle Welt kannte Danny – „Dan“ oder „Dan the man“ oder „Rabbi D.“ –, seit Ewigkeiten als Betreuer im Ferienlager, als Mentor auf der Highschool, als braver Jude im Campus-Hillel, als Leiter von Jugendgruppen: Es handelte sich hier um ein abgeschottetes Schwachmatenuniversum, über das Rabbi Dan, Dahlias einziger Bruder, als König herrschte. König Flachwichs, Rabbi Dan.
        Prima. Was für eine Tätigkeit würde sie denn mal davon abhalten, sich jeden gottverdammten Tag die Kugel geben zu wollen? Rechtswissenschaft klang wie die Pest und beide Wörter zusammen (RECHT und WISSENSCHAFT) wie eine Gefängnisstrafe, verhängt in einer Sprache, die sie nicht verstand, für ein Verbrechen, das sie nicht begangen hatte, von einem totalitären, undemokratischen Richter in einem Entwicklungsland. Zu viele Vorschriften, zu viel Haarspalterei. Recht und Gesetz, Allmächtiger. Danke vielmals.
    Sie besaß auch keine nennenswerten schöpferischen Gaben, wobei sie seinerzeit ein scharfes Mixtape zusammengestellt hatte und sich durchaus als solide Kulturkennerin bezeichnen würde. Immerhin hatte sie sich an ein, zwei Drehbüchern versucht und selbige blind verschickt, als sie nach L.A. zurückkehrte, aber sie waren abgedroschen und banal. Das eine für Sex and the City, das andere für Die Anfänger. Die sie nie gesehen hatte. Aber Dahlia brachte es fertig, in alle Richtungen Tiefschläge auszuteilen, die mit der Geschichte rein gar nichts zu tun hatten: gegen Materialismus, Dummheit, flachwichsende Rabbiner und Kontaktforen im Internet. „Ganz hübsche Passagen, aber für eine Fernsehserie viel zu aggressiv“, antwortete der einzige Drehbuchagent, dem sie die Lektüre hatte aufdrängen können, der Sohn eines alten Freundes ihres Vaters. „Warum sollte Carrie auf ihre Manolos verzichten und ihren oberflächlichen Modefimmel anprangern? Im Übrigen wird Sex and the City nicht mehr produziert, und Die Anfänger ist eine Krankenhauscomedy, wäre also von Vorteil, sie in einem Krankenhaus spielen zu lassen. Viel Glück.“
    Ein echter Krampf, sich überlegen zu müssen, was man mit seinem Leben anfängt.