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aus: "Machst du bitte mit, Henning" | Erzählungen


Ich will keinen Ärger/, steht auf einem Zettel, der hängt über meinem Bett. Das ist mein Stoppsatz, das war Aufgabe in der Tagesgruppe, vor ein paar Wochen, wir mussten den Stoppsatz auf einen Zettel schreiben und in unserem Zimmer aufhängen. Und nicht hinter dem Schrank, sondern am Fenster oder über dem Schreibtisch oder über das Bett, hat Frau Heinsohn gesagt, jeder seinen eigenen Stoppsatz. Ein Stoppsatz funktioniert so: Man sagt den Stoppsatz auf, ganz leise, nur für sich und im Kopf, wenn es eine Gefährdungssituation gibt - das ist eine Situation, in der es passieren könnte - und dann stellt man sich in eine andere Ecke des Zimmers oder wo die Situation ist, also auch nur im Kopf, und stellt sich die Situation vor, wie wenn man sie von außen sehen würde und sagt sich seinen Satz, ich will keinen Ärger, also das ist jetzt ja mein Satz, jeder kann sich einen anderen aussuchen, und dann überlegt man, was man als nächstes macht. So geht der Stoppsatz, das hat Frau Heinsohn mit uns geübt.

Ich bin hier in Haus Hirte Heim für gestörte Kinder, Zentrum für Familienhilfe. Morgen ist Weihnachtsfeier, da plane ich was, aber das ist noch geheim. Ich habe ein richtig blaues Auge seit gestern Abend, ich sehe aus wie ein Verbrecher, sagt Frau Heinsohn. Als ich heute Morgen reingekommen bin, durch die Tür, sagt Frau Heinsohn: "Also, Henning, was hast du denn angestellt" und hat sich die Hände auf den Mund gelegt und sie wieder runter genommen und auf ihren Schoß gelegt, wo die immer liegen wie zwei dicke tote Fische, und dann hat sie gesagt "also, du siehst ja aus wie ein Verbrecher". Da hab ich genickt und von den anderen hat keiner was gesagt und ich hab mich einfach hingesetzt an den Tisch und dann hat Sören mir schon alles erklärt, der arbeitet in Haus Hirte Heim für gestörte Kinder, er ist der Zivi, so heißt das. Er hat erklärt, was wir heute machen sollen in der Tagesgruppe. Lebkuchen zusammenkleben, Häuser zum Beispiel oder was wir wollen. Logischerweise, das ist ein Trick, man soll bauen, was man will und sie denken, man verrät aus Versehen was, was man gar nicht sagen wollte, also man ist so am Bauen, was man Lust hat und sagt damit aus Versehen was, so machen die das, Frau Heinsohn und Herr Kornberger, da muss man aufpassen.

Ich hab den kleinen Jungen auf dem Schulweg zurück getroffen, der kleine Junge lief da alleine rum und ich hab einfach gesagt "ej", und er hat geguckt und ich auch und dann hab ich gesagt "komm mal mit" und er ist mitgekommen und wir sind gelaufen. Dann wollte er nicht weiter, am Ende der Straße, aber ich hab gesagt "dann hau ich dir so lange ins Gesicht, bis du aus beiden Augen raus blutest". Dann ist der kleine Junge mitgekommen. Wir waren eigentlich ganz freundlich miteinander.

"Man ist so lange wütend, bis man sich beruhigt hat", sage ich. Das sagt mein Vater immer. Also nicht genau das, aber das ist so, wie mein Vater es immer sagt. Er hat mir versprochen, dass er mir das erklärt, wenn ich groß bin, „wie man immer die richtige Antwort gibt“, aber ich bin ja nicht blöd wie drei Reihen Feldsalat, Salat kann nämlich nicht denken, weil Salat kein Gehirn hat, und ich weiß auch selbst, wie das geht. Es ist überhaupt nicht kompliziert, auch wenn Papa so guckt und dicke Augen macht. „Das Prinzip, das erkläre ich dir, wenn du groß bist“, sagt Papa immer und ich schnaufe, damit er schnallt, dass ichs geschnallt hab, sein oberkluges Prinzip.
Frau Heinsohn guckt genervt. "Lass das, Henning, fang nicht wieder damit an", sagt sie, "du sollst mir vernünftige Antworten geben, du willst doch keinen Ärger haben, oder?"
"Nein, Frau Heinsohn, keinen Ärger haben", sage ich.
"Und auch keinen Ärger machen?"
"Und auch keinen Ärger machen", sage ich.
"Warum?"
"Weil alles auf einen zurückkommt", sage ich, wenn man sich zu blöd anstellt, denke ich noch, aber das denke ich nur, das sage ich nicht, man muss immer etwas mitdenken, das man nicht verrät, niemandem, sonst wissen sie ja alles und das geht nicht.
Frau Heinsohn nickt und guckt auf ihren Block. So funktioniert das, Frau Heinsohn und Herr Kornberger wollen in die Gedanken gucken und in Haus Hirte Heim für gestörte Kinder muss man seine Gedanken verstecken, so geht das hier.

"Es hat keine Anzeichen gegeben", das haben alle gesagt, meine Eltern, wie sie mich hergebracht haben, "wir sind eine gute Familie, es hat keine Anzeichen gegeben". Und auch meine Lehrerin, sagt meine Mama, und Oma kann’s nicht fassen. Keine Anzeichen. "Irgendwann ist immer das erste Mal", sagt Sören, der Zivi, so heißt das, und zuckt die Schultern dazu. Das macht Sören immer gleich. Jeder hat so seine Sätze und auch Bewegungen, wem ist das schon aufgefallen, außer mir eigentlich? Alle benutzen immer die gleichen Sätze, manchmal, und Bewegungen auch, hej.

Das wusste ich gar nicht, wie ich hier angekommen bin, dass der Manuel heißt. Wir haben ja fast nicht geredet, also jedenfalls nicht mit Namen. Aber sie haben mir gesagt, wie der kleine Junge heißt, Manuel, hier in Haus Hirte Heim für gestörte Kinder. Frau Heinsohn und Herr Kornberger haben mir das gesagt und mir Fotos gezeigt von dem kleinen Jungen, Manuel, wie wir so zusammen im Sprechzimmer geredet haben. Und Herr Kornberger, der zwinkert immer und zieht zum Lachen immer meistens nur eine Seite vom Mund hoch und guckt einem ganz kurz ins Gesicht, vielleicht weil er jünger ist als Frau Heinsohn und kleiner auch. Er sagt "stell dir mal vor, wie Manuel sich fühlt, stell dir vor, was er fühlt, nach dem, was du gemacht hast", und ich warte, aber er lächelt nicht, nicht mal mit seinem halben Mund. "Was ist das für ein Gefühl", sagt Frau Heinsohn, die ist aber auch wirklich groß für eine Frau, sie ist so groß wie mein Vater oder größer noch. Wie der kleine Junge zwitschert mit seiner kleinen Stimme, erinner ich mich, wie wenn er ein Vogel ist und er hat feuchte Lippen, weil er ein bisschen sabbert, wie ein Hund, so klein ist der noch. Man kann ihn gut schubsen, der kleine Junge kann schon ganz gut laufen.
"Glaub, der kleine Junge denkt, sein Vater ist ein Vogel", sage ich.
"Machst du bitte mit, Henning", sagt Frau Heinsohn und ich nicke.
"Was war Hausaufgabe?", fragt Frau Heinsohn.
"Was ich angerichtet habe", sage ich und Frau Heinsohn sagt "Richtig, also" - und Herr Kornberger lacht kurz mit der linken Seite vom Mund und guckt weg und sagt gegen das Fenster, aber eigentlich zu Frau Heinsohn, der Riesin, "Naja, also, so richtig richtig ..."
"Mann, drüber nachdenken war Hausaufgabe", sage ich, "was ich angerichtet habe".

"Jetzt richten wir was an", sage ich immer, wenn ich Tischdienst habe, das wechselt jede Woche, man ist immer zu dritt, alle vier Wochen. Decken und abdecken und abwischen. Wenn wir decken, sage ich immer "was wir jetzt wieder anrichten!" Das ist ein Witz, weil man zu decken und abdecken auch anrichten sagt, oder wenn man gekocht hat, aber ich kann nicht kochen. Frau Heinsohn findet das witzig, "Das ist ja richtig witzig, Henning", hat sie gesagt, "du hast ja richtig Humor". "Scheißwitz, echt", sagt Adam und Torben nickt und sagt "Halt's Maul", nur weil sie keinen Humor haben. Und deshalb haben sie mir gestern eine verpasst, aber richtig, Adam und Torben, zu zweit, zusammen gegen einen, das ist feige, da hatte ich gar keine Chance. Ich bin kein Schwachpisser, mal im Ernst, hej, alles, aber bestimmt kein Schwachpisser, ich kann Schwachpisser echt nicht ausstehen, also auf jeden Fall hat Torben mich festgehalten und Adam hat gekloppt, nur weil sie keinen Humor haben. "Noch einmal", haben sie gesagt und meinen Kopf gegen den Bettpfosten geschlagen. Das Auge, davon ist es so blau, ich sehe aus wie ein Verbrecher, echt, "noch einmal deinen Scheißwitz und du bist richtig im Arsch". Nur weil sie keinen Humor haben. Aber die beide sind sowieso dumm im Kopf, die gehen auf die Sonderschule mit den Behinderten, echt, kein Wunder, dass die keinen Humor haben, hej.

Wie wir so gelaufen sind, hab ich immer gesagt "Jetzt links und jetzt rechts", ich habe hier die Befehle gegeben, ich hab dem kleinen Jungen gesagt "Steck den Finger in die Scheiße und leck da dran" und der kleine Junge hat geweint und ich hab seine Hand genommen und so gequetscht, so doll wie ich konnte und der kleine Junge hat geschrieen und ich habe gesagt "Wenn du nochmal schreist, dann schneid ich deine Zunge ab, die wächst nicht nach". Und der kleine Junge hat seinen Finger in die Hundescheiße gesteckt und geleckt und geweint.