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Eva Bonné

aus: Andrew Nicoll: Die Liebeslotterie / The Good Mayor,

übersetzt aus dem Englischen

Andrew Nicoll Die Liebeslotterie Im Jahre X, als der Gouverneur A. K. in der Provinz R. regierte, war der gute Tibo Krovic seit fast zwanzig Jahren Bürgermeister des Städtchens Dot.

Dieser Tage kommen nicht mehr viele Besucher nach Dot. Es gibt einfach keinen Grund, so weit ins nördliche Baltikum hinaufzusegeln, Und schon gar nicht in die flachen Gewässer nahe der Mündung des Flusses Ampersand. Dort vor der Küste liegen unzählige kleine Inseln, von denen manche sich nur bei Ebbe zeigen und andere, mit der Launenhaftigkeit einer italienischen Regierung, sich gelegentlich für ein Weilchen mit ihren Nachbarinnen zusammenschließen, so dass die Kartografen vieler Nationen es schon vor langer Zeit aufgegeben haben, eine gültige Seekarte der Gegend erstellen zu wollen. Zwar hat Katharina die Große einmal eine Gruppe von Landvermessern hingeschickt, die das Haus des Hafenmeisters von Dot requirierten und sieben Jahre dort lebten, Karten zeichneten, verwarfen und aufs Neue zeichneten, aber schlussendlich reisten sie empört wieder ab.
„Ce n’est pas une mer, c’est un potage“, sagte der Oberlandvermesser denkwürdigerweise beim Abschied, auch wenn niemand in Dot ihn verstand. Anders als der russische Adel pflegten die Einwohner von Dot sich nicht auf Französisch zu verständigen.

Tibo Krovic, liebte es, Bürgermeister zu sein. Es gefiel ihm, wenn die jungen Leute zu ihm kamen, um sich trauen zu lassen. Gern besuchte er die Schulen von Dot und bat die Kinder, ihm bei der Gestaltung der offiziellen Weihnachtskarten zu helfen. Er mochte die Menschen. Er mochte es, ihre kleinen Probleme zu lösen und bei nichtigen Streitereien zu schlichten. Er liebte es, hochrangige Gäste in seiner Stadt willkommen zu heißen.
Er liebte es, den Ratssaal im Gefolge des Haushofmeisters zu betreten, der das große Silberzepter mit dem Bild der heiligen Walpurnia trug – Sankt Walpurnia, die bärtige Märtyrerjungfrau, deren herzerweichendes Flehen um Hässlichkeit als Schutzpolster für ihre Keuschheit von Gott mit wundersamer Großzügigkeit erhört worden war. Sankt Walpurnia, die vom Himmel doppelt Beschenkte – erstens mit einem monströs üppigen Bart und zweitens mit einem katastrophalen Warzenbefall, der ihren gesamten Körper bedeckte und den sie – in ihrem fortdauernden Bemühen, die Männer von Dot von der Sünde zu bekehren – beständig zur Schau stellte. Sankt Walpurnia, die sich vor den Toren Dots den marodierenden Hunnen angeboten hatte unter der Voraussetzung, die übrigen Frauen der Stadt mögen verschont bleiben. Sankt Walpurnia, die, so steht es geschrieben, in das Feldlager der Hunnen gerannt war und geschrien hatte: „Nehmt mich! Nehmt mich!“ Die bestialischen Hunnen, anstatt sich am behaarten Fleisch ihrer Nutztiere zu befriedigen, machten die arme, lammfromme Walpurnia zu ihrem Spielzeug. Als sie viele Stunden später mit dem Ruf „Oh Gott, oh Gott, oh Jesus!“ verstarb, soll sich der Legende nach kein einziger Kratzer an ihrem gesamten warzigen Körper befunden haben. Zum weiteren Zeichen seiner großen Güte hatte Gott ihr einen Herzinfarkt geschenkt, und als man ihren Leichnam fand, war unter ihrem seidigen Schnurrbart ein seliges Lächeln zu erkennen, was darauf schließen ließ, dass sie längst ins Paradies eingetreten war.

Zumindest sagt meine Legende so.

Im Jahre X, als A. K. Gouverneur in der Provinz R. war und der gute Tibo Krovic seit fast zwanzig Jahren Bürgermeister des Städtchens Dot, hatte ich dort schon seit zwölfhundert Jahren als stille Beobachterin ausgeharrt.
Ich bin immer noch hier, auf der obersten Spitze der höchsten Zinne der mir geweihten Kathedrale. Gleichzeitig –und ohne dass ich eine Erklärung dafür hätte – stehe ich weit, weit darunter auf einem Sockel vor der geschnitzten Säule, welche die Kanzel trägt. Außerdem throne ich auf einem Schutzschild über dem Rathauseingang, bin auf alle Außenflächen der Tramen gemalt, hänge an der Wand des Bürgermeisterbüros und bin auf jedes Schulheft gedruckt, das auf jedem Tisch in jedem Klassenzimmer in ausnahmslos jeder Schule von Dot liegt. Ich hänge als Gallionsfigur am Bug der kleinen, verdreckten Fähre, die gelegentlich aus Dash eintrifft, den lächerlichen Bart von Salz verkrustet und mit einem Stoßfänger aus gewobenem Hanf umkränzt, der wie ein Pferdegeschirr aussieht.
Ich kann es nicht erklären. Ich kann es nicht erklären, weil ich selbst nicht verstehe, wie ich immer und überall zugleich sein kann.
Ich kann, wenn ich es so wünsche, an allen Orten gleichzeitig sein, unverdünnt, nicht um ein Atom verkleinert, allerorten und allwissend. Ich beobachte. Ich beobachte die Ladenbesitzer von Dot und die Polizisten, die Landstreicher, die glücklichen Menschen und die traurigen, die Katzen, die Vögel, die gelben Hunde und den guten Bürgermeister Krovic.
Ich habe ihn beobachtet, als er die grüne Marmortreppe zu seinem Büro hinaufstieg. Die Treppe gefiel ihm, sein Büro gefiel ihm. Ihm gefielen die dunkle Holzvertäfelung und die hohen, mit Läden versehenen Fenster, die auf den Rathausplatz mit dem Brunnen und die sich dahinter erstreckende Schlossstraße hinausgingen. Ihm gefiel sein bequemer Ledersessel. Ihm gefiel das Wappen an der Wand, das eine lächelnde, bärtige Nonne zeigte. Und am allerbesten gefiel ihm seine Sekretärin, Frau Stopak.
Agathe Stopak war alles, was ich, die heilige Walpurnia, nicht war. Ja, sie war mit langem, dunklem, glänzendem Haar gesegnet, aber nicht am Kinn. Und ihre Haut erst! Weiß schimmernd, sahnig, vollkommen warzenfrei. Im Winter kam Frau Stopak in Galoschen zur Arbeit, die sie, sobald sie an ihrem Schreibtisch saß, abstreifte und durch ein Paar hochhackiger, zehenfreier Sandaletten ersetzte. Der arme, gute, liebeskranke Bürgermeister Krovic lauschte jeden Morgen auf das Poltern der Galoschen, das Frau Stopaks Ankunft im Büro verriet, und dann warf er sich eilig auf den Teppichboden, um durch den Spalt unter der Tür einen Blick auf ihre drallen, kleinen Zehen zu erhaschen, die sich in die Sandaletten zwängten.
Und dann seufzte der arme, gute, liebeskranke Tibo, er stand auf, wischte sich die Teppichflusen vom Anzug und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, um den Kopf zwischen die Hände zu stecken und Agathe Stopak zuzuhören, die über den Fliesenboden des Vorzimmers klapp-klapp-klapperte, irgendetwas in den Aktenschrank räumte, Kaffee kochte oder einfach nur weich und duftend und wunderschön und auf der anderen Seite der Tür war.