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Sybille Martin
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nicht vergeben
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Katharina Kim Alsen

Sybille Martin

aus: Norma Huidobro: Der verlorene Ort

übersetzt aus dem Spanischen | Hoffmann & Campe 2010


In der Straße war es kühl. Wenn man im Schatten stehen blieb, war einem nicht so heiß. In Buenos Aires verschmorte man selbst auf schattigen Gehwegen. Ferroni kannte den Baum, unter dem er stehen geblieben war, obwohl er seinen Namen nicht wusste.

/.../

Der Baum stand vor einem der Häuser mit einer zweiflügeligen Tür und Kletterpflanzen an der Fassade.
Jetzt schaut Ferroni jetzt nicht auf seine mit weißem Staub überzogenen Schuhe hinab, er trocknet sich auch nicht den Schweiß von Stirn und Nacken, weil der kühle Baumschatten auf ihn wirkt, als würde er in frisches Wasser eintauchen. Er kneift ein wenig die Augen zusammen und starrt auf die beiden Flügel der Tür - die andere geht auf. Dort ist seine Mutter. Er könnte allerdings auch das Gegenteil behaupten, denn er sieht sie nicht. Aber er riecht den Schatten und das Wasser, eher den Schatten als das Wasser, und er weiß, dass seine Mutter schon gegossen hat, dass sie auch den Innenhof schon abgezogen hat, dass sie ihre Füße im Waschbecken gewaschen hat und in ihre Sandalen geschlüpft ist. Dort ist der Junge, also er, den er aber ebenso wenig sieht. Der Junge hat geweint und die Mutter hat ihn getröstet. Er erinnert sich an den Geschmack der Tränen, den Finger seiner Mutter, der über seine Wange fährt, er erinnert sich daran, aber er sieht es nicht. Die Tür geht etwas weiter auf, Ferroni ist das gelungen, indem er die Augen zusammengekniffen hat, ohne sie ganz zu schließen und Gefahr zu laufen, die Tür zuzuschlagen, statt sie zu öffnen. Sie steht weit genug offen, um die Undurchdringlichkeit des Schattens wahrzunehmen und ihn besser riechen zu können, um endgültig zu begreifen, dass es nicht der Schatten ist, den er sieht und riecht, sondern etwas Intensiveres und Nachhaltigeres und Süßeres und Stilleres. Jasmin, sagt sich Ferroni. Der Schatten riecht nach Jasmin. Doch es ist nicht der Schatten und auch nicht nur der Duft von Jasmin. Es weht noch ein anderer Geruch heran, rauchig und herb, der sich nicht mit dem Jasminduft vermischt, ihm aber nahe kommt, ihn verfolgt, ihn einholt, sie wehen zusammen näher, sie trennen sich, sie verbinden sich wieder. Ferroni weiß, dass es der Geruch der Räucherspiralen ist, die Moskitos abschrecken sollen. Er sieht die Spirale mit ihrem Loch in der Blechhalterung, er sieht, wie sich der Rauch träge nach oben schlängelt, und er begreift, dass nicht der Schatten nach Rauch und Jasmin riecht, sondern die Nacht, die klare Nacht, die erbarmungslose, undurchdringliche Nacht seiner Kindheit. Da ist die Nacht, im Innenhof seines Elternhauses, mit ihm und seiner Mutter, aber nicht nur mit ihm und seiner Mutter, da ist auch sein Vater. Aber sieht er ihn?

/.../

Ferroni glaubt, dass der Vater da sein muss, im Innenhof, in der Nacht, die er gerade entdeckt hat; es ist fast eine Frage der Logik, eine Notwendigkeit, der Vater muss da sein. Aber er sieht ihn nicht und er bemüht sich auch nicht, ihn zu finden. Er weiß, dass er im passenden Moment auftauchen wird, so wie der Schatten, das Wasser, er, seine Mutter und die Nacht aufgetaucht sind. Es gibt nichts außer der Nacht in diesem schmalen Streifen des Innenhofs, den die jetzt halboffene Tür erkennen lässt. Und die Nacht trägt ihm ein Aroma zu, nicht ihm, sondern dem Jungen, aber auch ihm. Das Aroma ist süß, und er mag es nicht; er, der den Innenhof und die Nacht durch die Türöffnung ausspäht, mag es nicht. Ihn widert dieses Aroma an. Ob den Jungen auch, weiß er nicht. Aber es ist ihm auch egal, ob es den Jungen anwidert oder nicht, denn er hasst dieses Aroma, diesen Geruch, so sehr, dass er sich nicht mit dem Gedanken aufhalten kann, ob der Junge den Geruch mag oder nicht. Er hasst ihn, obwohl er nicht zwischen Hass, Ekel, Entsetzen, Wut, Schmerz, Angst oder was auch immer es sein mochte, was Blut bei ihm auslöst, unterscheiden kann. Es ist Blut, es ist der Geschmack und der Anblick und die Beschaffenheit und der Geruch von Blut – jetzt bemerkt er vor allem seinen Übelkeit erregenden Geruch -, was er wahrnimmt, was er riecht, was er schmeckt, was er berührt, ohne es zu sehen, aber in dem Wissen, dass es da ist, in seinem Mund, an seinen Händen, nicht an denen des Mannes Ferroni, der das alles beobachtet, sondern natürlich an denen des Jungen. Der Junge, der er ist und gleichzeitig nicht ist. Der Junge bringt ihm das Blut, ausgerechnet ihm, der so vorsichtig ist, so perfektionistisch; er, der wie kaum ein anderer unnötiges Blutvergießen zu vermeiden weiß, der nie eine Verhörmethode akzeptiert hat oder je akzeptieren würde, die nicht peinlichst sauber ist wie die mit Wasser oder Elektrizität. Und der Junge bringt ihm diesen ekelhaften Geruch, der ihm in Mund und Nase steigt und seine Hände feucht werden lässt. Was hat er mit Blut zu tun? Was hat der Junge damit zu tun? Von wem stammt das Blut? Hatte er sich vielleicht verletzt und weinte deshalb? Aber er hat am Nachmittag geweint, und jetzt ist es Nacht. Hat der Junge geblutet, ist er krank? Die Tür öffnet sich noch ein Stückchen. Ganz wenig. Es ist noch immer dunkel im Innenhof, trotzdem fällt ein schwacher Lichtkegel in die Dunkelheit, und in diesem Lichtkegel zeichnen sich langsam die Hände des Jungen ab; es sind seine Hände und sie sind blutverschmiert. Ferroni schaut, spürt, empfindet einen tiefen Schmerz, von dem er weiß, dass es der Schmerz des Jungen und seiner ist, aber gewiss mehr der Schmerz des Jungen, denn da überwältigt ihn ein anderes Gefühl, das sich nach und nach in seinem Kopf und seinem Körper ausbreitet.