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Sybille Martin
Eva Profousová
nicht vergeben
Andreas Münzer
Kristian Schlüter
Sabine Stein
Andreas Stichmann
Ulrike Syha
Katharina Kim Alsen

Eva Profousová

aus: Jachym Topol „Die Teufelswerkstatt”

übersetzt aus dem Tschechischen | Suhrkamp 2010

Wir haben gerade einen Pogrom gesehen! Die hatten sogar Uniform an. Mein erster Pogrom! Das muß ich unbedingt in mein Tagebuch eintragen, sagt Sarah.
Sie müßte auch nicht ständig quasseln. Sie könnte mir helfen. Ich versuche, die T-Shirts auf dem Fußboden zu stapeln, bin aber mit Rucksack und Taschen behängt.
Draußen hört man Schreie und das Jaulen von Polizeisirenen. Jemand rennt über die Straße und brüllt. Der Lärm der Menge weicht langsam zurück.
Du siehst überhaupt nicht aus wie eine Jüdin oder so. Was für ein Glück, daß du blond bist. Und die haben mich auch für einen Touristen gehalten, ha ha ha!
Darüber muß ich lachen. Das kommt mir echt lustig vor.
Ich könnte kotzen, verkündet Sarah, sie läßt sich rücklings aufs Bett fallen und starrt an die Decke.
Hör mal, wir sehen ähnlich aus, sagt sie nach einer Weile, wir haben zwei Arme, zwei Beine, hier und da eine Sommersprosse, wir verständigen uns irgendwie in diesem Englisch, aber das ist eher ein Trugschluß! Kulturell sind wir völlig woanders. Ich zum Beispiel bin vom Bolschewismus unberührt, aber du triefst geradezu von Miesheit! Und weißt es nicht mal ... deine Ziegen scheißen die heiligen Orte des trauernden Gedenkens mit ihren Kötteln voll, und du kapierst das nicht mal, ihr Osteuropäer, ihr habt es immer noch nicht gerafft, in welcher Scheiße ihr steckt ... Sie macht mich wütend … sie soll meine Ziegen in Ruhe lassen, ich spaziere mit ihr durch Prag und riskiere, daß meine Herde wieder kleiner wird, Bojek kriegt sie nicht bewacht … Hier bei euch in Tschechien soll’s irgendwo ne Schweinefarm geben, an der Stelle, wo früher ein Roma-KZ gestanden hat. Stimmt das? Zeigst du mir das mal?, rattert sie weiter, aber mit Schweinen kenn ich mich gar nicht aus, in Theresienstadt hatten wir keine ... Jesusmaria, dir kommt das normal vor? Eine Schweinefarm am Ort des Massakers  … Sie mag nicht, wenn ich die Achseln zucke, ich mag nicht, wenn sie schreit, ich könnte ihr ein Kissen auf den Mund legen, schießt mir durch den Kopf  … Ich erzähle ihr, wie Lebo im Ghetto zur Welt gekommen ist, sie hört mucksmäuschenstill zu, und als ich sie mir näher ansehe, merke ich, daß sie heult. Mein Gott, seine Hebamme, das hätte meine Omi sein können ... Ja, deine Oma hat den kleinen Lebo so gut wie erwürgt. Sie war auch so explosiv! Wie du! … Alebo, nebo, lebo, sagt sie immer wieder auf, sie ist nämlich dabei, unsere Sprache zu lernen … also erkläre ich ihr, dass Tschechisch leicht, Slowakisch dafür aber verdammt schwer ist, das würde sie nie lernen, die Slowaken kommen schon so zur Welt, für sie ist es einfach, diese Sprache zu sprechen … Liebster Ziegenkönig, Sarah röchelt ins Kopfkissen, schweig … halt die Klappe, du Viehhüter! Na gut, ich schweige also … und eigentlich habe ich Grund zur Freude, als sie bei uns auftauchte, da war sie nur der Schatten einer Frau, jetzt ist sie verdammt lebendig. Und Sarah sagt, mit jemandem, der so alt ist wie ich, hätte sie noch nie geschlafen, aber hier fände sie das fast normal, weil hier ist alles, aber wirklich alles total verdreht und bizarr … Also sage ich, daß mich ihr Alter auch nicht stört, eigentlich weiß ich gar nicht, wie alt sie ist! Bist du neunzehn? Zwanzig? Oder vielleicht schon einundzwanzig?, Sarah, für mich spielt das wirklich keine Rolle, tröste ich sie … Aber ich glaube nicht, dass du ein Idiot bist!, Sarah stützt sich auf den Ellbogen und sieht mich an, das geht wahrscheinlich noch tiefer, dieser Kulturunterschied zwischen uns … Jetzt liegen wir beide auf dem Rücken, überall auf dem Fußboden haufenweise Kafka-T-Shirts, Weinflaschen und anderes Zeug, böhmisches Kristallglas, Tassen und Untertassen, auf die wir Gruß aus Theresienstadt! pinseln werden, Plastiktüten mit weiteren Souvenirrohlingen … und Sarah hält mir einen Vortrag über Osteuropa, ihre Bildung geht manchmal mit ihr durch … Ich habe den Osten gesucht, sagt sie, dieses Osteuropa … nach Osteuropa fahren heißt, immer auf der Suche sein, weißt du, sagt sie, als wollte ich das wissen …