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Ursel Allenstein
Ingo Herzke
Susanne Höbel
Isabel Bogdan
Alexander Häusser
Karen Köhler
Dietrich Machmer
Ulrich Koch
Inga Sawade

Ulrich Koch

PROLOG

Wo die Musen gelegen hatten,
war das Gras noch warm
von den Klageweibern.

Weh!, rief ich, weh!, noch
sind die Sakralbauten der Lyrik nicht getrocknet,
da platzen uns Raumfahrern schon die Helme,
wie Pusteblumen!

Und verbrachte vier Drittel
meines Lebens damit,
Bach zu hören

und zuzusehn,
wie sich die Engel
an die Steinwürfe gewöhnten.

 

DIE MUSE (Nr. 1)
seit kurzem hat sie
dieses Ticken im Bauch, regelmäßig
wie ihr Atem, der abends eine
Stufe nach der anderen nimmt
wenn sie sich die
Treppen raufschleppt

wie sie da so vorm Fernseher hockt
krümmt sich ihr Schatten, ihr Kleid
hat sie über die offene Schranktür
geworfen

heute abend bringe ich ihr
eine kleine Sinnestäuschung mit
die sich ins kollektive Gedächtnis
eines Bienenvolks gebrannt hat
eine süße Illusion, bevor es uns
wieder in die Sprache verschlägt

aber da betrachtet sie schon wieder
ihre für morgen frisch lackierten Fingernägel
diese Tonnengewölbe über
irdischem Besitz
der sich rauswächst
die sie jetzt trockenbläst
mit angespitzten Lippen

 

DIE MUSE (Nr. 2)
an diesem schönen klaren Morgen
mit herrlich dampfendem Flüssigteer auf der
abgesperrten Bundesstraße
und einer herrenlosen Rüttelmaschine
die sich, vorbei an den drei Baggern
die mit langen Hälsen aus
dem Straßengraben trinken
gut gelaunt hüftschwingend
dem Friedhof nähert, lasse ich sie noch
ein wenig weiter schlafen

so sieht sie nicht, wie im Nachbargarten
die Nachbarswitwe (Schürze
hochgebundenes Haar) die blutige
Wäsche aufhängt: die Kissenhüllen
von den geschlachteten
Kaninchen zieht

Strom- und Wasserzähler
schlagen die Augen auf, und

aus dem Laubhaufen
unsrer Kleider
steigt Rauch

 

DIE MUSE (Nr. 3)
ihre Schrift wird Jahr um Jahr deutlicher
aber immer unaussprechlicher
was sie denkt

mit dem Zeigefinger verrührt sie
ihr Spiegelbild

sie mag Eis
und Fahrradfahren
und das Meer

aber noch nicht
zum Trost