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Ingo Herzke

aus: Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story”

übersetzt aus dem amerikanischen Englisch | Suhrkamp 2010


Geh nicht gelassen
Aus dem Tagebuch des Lenny Abramov

1. Juni
Rom – New York

Liebstes Tagebuch,

heute habe ich eine wichtige Entscheidung getroffen: Ich werde niemals sterben.
Um mich herum werden andere sterben. Von ihrer Persönlichkeit wird nichts übrig bleiben. Sie werden genullt, ihr Licht wird ausgeknipst werden. Ihr Leben, ihr gesamtes Sein, wird auf marmornen Hochglanzgrabsteinen falsch summiert («ihr Stern leuchtete hell», «werden Dich nie vergessen», «er hörte gern Jazz»), und irgendwann werden auch die vom Meer überflutet oder von einem genmanipulierten Truthahn der Zukunft in Stücke gehackt sein.
Lass dir nicht weismachen, das Leben sei eine Reise. Bei einer Reise kommt man irgendwo an. Wenn ich die Linie 6 nehme und zu meiner Sozialtherapeutin fahre, ist das eine Reise. Wenn ich in diesem klapprigen UnitedContinentalDeltamerican-Flieger, der sich gerade vibrierend über den Atlantik quält, den Piloten anflehen würde, zu wenden und direkt nach Rom zurückzusteuern, in die wankelmütigen Arme von Eunice Park, wäre das eine Reise.
Aber Moment mal. Da ist noch mehr, oder? Unser Erbe. Wir sterben nicht, denn unsere Nachkommen leben weiter. Die rituelle Weitergabe des Erbgutes, Mamas Korkenzieherlocken, Großvaters Unterlippe, ah buh-lieve thuh chil’ren ah our future. Ich zitiere hier aus «The Greatest Love of All», dem neunten Stück auf der Debüt-LP von Whitney Houston, der Popdiva der Achtziger.
Totaler Quatsch. Kinder sind nur im allerengsten, transitiven Sinn unsere Zukunft. Sie sind es nur so lange, bis sie selbst ins Gras beißen. Die nächste Zeile des Songs fordert den Hörer dazu auf, «ihnen viel beizubringen und sie dann vorausgehen zu lassen», also das eigene Selbst zugunsten der zukünftigen Generationen aufzugeben. Wenn man sagt: «Ich lebe für meine Kinder», gibt man im Grunde zu, dass man in Kürze tot sein wird, dass das eigene Leben praktisch schon gelaufen ist. «Ich sterbe nach und nach für meine Kinder» wäre treffender.
Was sind unsere Kinder überhaupt? Entzückend und unverbraucht in ihrer Jugend; der Sterblichkeit gegenüber blind; wälzen sich, darin Eunice Park nicht unähnlich, mit ihren Alabasterbeinen durchs hohe Gras; Rehkitze, anmutige Rehkitze, alle miteinander, strahlend in ihrer verträumten Künstlichkeit, eins mit der oberflächlich simplen Natur ihrer Welt.
Und dann, nicht mal ein Jahrhundert später, sabbern sie in einem Hospiz in Arizona eine arme mexikanische Altenpflegerin voll.
Genullt. Wusstest du, liebes Tagebuch, dass jeder friedliche, natürliche Tod im Alter von 81 Jahren eine unvergleichliche Tragödie darstellt? Jeden Tag fallen Menschen, Individuen – Amerikaner, falls dir das näher geht – auf dem Schlachtfeld Gesicht voran in den Staub und stehen nie wieder auf. Existieren nie wieder. Komplexe Charaktere, in deren Großhirnrinde schillernde Welten schweben, ganze Universen, die unsere Schafe hütenden, Feigen essenden, analogen Vorfahren zu Boden gestreckt hätten. All diese Leute sind kleine Gottheiten, Gefäße der Liebe, Lebensspender, unbesungene Genies, Helden der Arbeit, die morgens um sechs Uhr fünfzehn aufstehen, um die Kaffeemaschine anzuwerfen, und stumme Gebete sprechen, damit sie den nächsten Tag noch erleben und auch noch den übernächsten und Sarahs Examensfeier, und dann …
Genullt.
Aber nicht mit mir, liebes Tagebuch. Glückliches Tagebuch. Unwürdiges Tagebuch. Von diesem Tage an wirst du einen nervösen, durchschnittlichen Mann von ein Meter fünfundsiebzig Körpergröße, 73 Kilogramm Körpergewicht und einem nicht ganz ungefährlichen Body-Mass-Index von 23,9 auf seinem bisher größten Abenteuer begleiten. Warum «von diesem Tage an»? Weil ich gestern Eunice Park kennengelernt habe und sie mich für immer und ewig durchhalten lassen wird. Schau mich gut an, Tagebuch. Was siehst du? Einen schmächtigen Mann mit grauem Gesicht, eingefallen wie eine alte Festung, mit  eigenartig feuchten Augen, riesiger glänzender Stirn, auf der ein Dutzend Höhlenmenschen hübsche Zeichnungen hätten hinterlassen können, einer Sichelnase, die über winzigen Kräusellippen thront, und, am Hinterkopf, einer immer größer werdenden Kahlstelle exakt in der Form des Bundesstaates Ohio, dessen Hauptstadt Columbus ein dunkelbrauner Leberfleck markiert. Schmächtig. Mein Fluch, in jeder Hinsicht. Ein gewöhnlicher Körper in einer Welt, in der man einen ungewöhnlichen braucht. Ein Körper im kalendarischen Alter von neununddreißig Jahren, schon angegriffen von zu viel LDL-Cholesterin, zu viel ACTH, zu viel von allem, was das Herz gefährdet, die Leber belastet, die Hoffnungen zerstört. Vor einer Woche, bevor Eunice mir neuen Grund zu leben schenkte, hättest du mich nicht bemerkt, Tagebuch. Vor einer Woche existierte ich nicht. Vor einer Woche sprach ich in einem Restaurant in Turin einen potentiellen Klienten an, eine klassisch gutaussehende Vermögende Privatperson. Er sah von seinem winterlichen Bollito misto auf, schaute an mir vorbei, senkte den Blick wieder zum gekochten Liebesakt der sieben Fleischsorten und sieben Gemüsesaucen auf seinem Teller, sah dann wieder hoch und erneut an mir vorbei – schon klar: Wenn ein Mitglied der oberen Schichten mich überhaupt nur wahrnehmen soll, muss ich mindestens einen tanzenden Elch mit einem flammenden Pfeil treffen oder mir von einem Staatsoberhaupt in die Hoden treten lassen.
Und dennoch wird Lenny Abramov, demütiger Tagebuchschreiber, winzige Nichtigkeit, ewig leben. Die Technologien beherrschen wir fast schon. Als Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit Lebensfreunde (Ebene G) in der Abteilung Posthumane Dienstleistungen der Staatling-Wapachung Corporation, werde ich als Erster davon profitieren. Ich muss mich nur gut führen und an mich glauben. Muss mich von Transfetten und Fusel fernhalten. Jede Menge grünen Tee und alkalisiertes Wasser trinken und mein Genom den richtigen Leuten zur Verfügung stellen. Ich muss meine schrumpfende Leber wieder wachsen lassen, mein gesamtes Blut durch «Smart Blood» ersetzen und mir ein sicheres und warmes (aber nicht zu warmes) Plätzchen suchen, wo ich sowohl das Wüten der Jahreszeiten als auch die Massenvernichtungen aussitzen kann. Und wenn die Erde vergeht, was sie sicher tun wird, dann verlasse ich sie und begebe mich auf eine neue Erde, mit mehr Grün, aber weniger Allergenen; und wenn mein Intellekt in etwa 1032 Jahren voll erblüht, während unser Universum sich wieder zusammenfaltet, dann wird meine Persönlichkeit durch ein Schwarzes Loch in eine Dimension unvorstellbarer Wunder gleiten, wo all die Dinge, die mich hier auf der Erde 1.0 am Leben gehalten haben – Tortelli lucchese, Pistazieneis, das Frühwerk von Velvet Underground, glatte, gebräunte Haut, die sich über den barock gebauten Hinterbacken einer Zwanzigjährigen spannt –, mir so lachhaft und kindisch vorkommen werden wie Bauklötze, Babynahrung und «Alle Vögel fliegen hoch».
Richtig: Ich werde niemals sterben, caro diario. Nie, nie, nie, nie. Und wenn du mir nicht glaubst, fahr zur Hölle.

MANCHMAL LEBEN IST MIST
Aus Eunice Parks GlobalTeens-Account
1. Juni

Format: Englischer Standardtext Vollanzeige
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Weniger Worte = mehr Spaß!!!
Euni-diotin unterwegs an Grillbitch:
Hi, liebstes Pony!
Was geht, du Möse? Vermisst du deine I-diotin? Willst du mich ein bisschen lecken? BGM. Ich hab so die Nase voll davon, mit Mädchen rumzumachen. Übrigens hab ich an der Ehemaligen-Wand vom Elderbird die Fotos gesehen, auf denen du deine Zunge in Bryanas, ähm, Ohr steckst. Du willst doch wohl nicht, dass Gopher eifersüchtig wird? Der hat schon viel zu viele Dreier geschoben. Mehr Selbstachtung, Nutte! Hey – weißt du was? Ich hab in Rom den allersüßesten Typen kennengelernt. Genau mein Fall, groß, vom Aussehen her irgendwie germanisch, total edel, aber kein Arschloch. Giovanna hat uns zusammengebracht, er arbeitet in Rom für KraftGMFordCredit! Ich soll ihn also auf der Piazza Navona treffen (weißt du noch, im Image-Seminar? Das ist der mit den ganzen Tritonen), und da sitzt er vor einem Cappuccino und streamt die Chroniken von Narnia. Weißt du noch, wie wir die in der Katholischen gestreamt haben? Richtig süß. Er sah ein bisschen aus wie Gopher, bloß viel dünner (hahaha). Und er heißt Ben, was ziemlich schwul klingt, aber er war SO NETT und so klug. Er hat mir ein paar Caravaggios gezeigt, dann hat er mich ein bisschen an den Arsch gefasst, und dann sind wir zu einer von Giovannas Partys und haben rumgemacht. Da haben uns lauter Italienerinnen in Onionskin-Jeans angeglotzt, als ob ich ihnen einen ihrer weißen Männer klauen würde oder so. Das finde ich so was von scheiße. Wenn ich noch einmal das Wort «Mandelaugen» höre, also echt. Jedenfalls BRAUCHE ICH DEINEN RAT, weil er mich gestern angerufen und gefragt hat, ob ich nächste Woche mit ihm nach Lucca fahren will, und ich hab mich geziert und nein gesagt. Aber morgen rufe ich ihn bestimmt an und sage ja! WAS SOLL ICH TUN? HILFE!!!
PS: Gestern auf einer Party hab ich so einen krassen alten Typen kennengelernt, und wir haben uns total betrunken, und ich hab mich gewissermaßen von ihm lecken lassen. Da war ein noch älterer Typ, ein Bildhauer, der mir an die Hose wollte, da hab ich mir gedacht, na ja, das kleinere Übel. Würg, ich werde schon wie du!!!!!! Er war nett, ein bisschen nerdig, hält sich aber für absolut medien, weil er irgendwas mit Biotech macht. Und er hatte echt eklige Füße, mit Hammerzehen und hinten so einem riesigen Überbein, als ob ihm ein Daumen am Hacken klebt. Ich weiß, ich denke wie mein Vater. Aber außerdem putzt er sich ganz falsch die Zähne, ich musste also einem ERWACHSENEN MANN ZEIGEN, WIE MAN EINE ZAHNBÜRSTE BENUTZT!!!!! Was läuft bloß falsch in meinem Leben, liebstes Pony?