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Susanne Höbel

aus: Thomas Wolfe, Die Party bei den Jacks

übersetzt aus dem amerikanischen Englisch | München, manesse Verlag 2011

An jedem Arbeitstag um neun Uhr morgens wurde Jack in einer großen funkelnden projektilartigen Maschine Richtung Süden zu seiner Arbeitsstätte befördert, von einem Fahrer, der selbst so verrückt, so erhitzt und ungesund war wie alles Leben um ihn herum. So wie der Chauffeur hinter dem Lenkrad lauerte, das dunkle, olivbraune Gesicht mit der dünnlippigen, rissigen Verderbtheit des Mundes in Verbitterung entstellt, die dunklen Augen unnatürlich glitzernd wie bei einem Menschen, der unter dem Stimulus schwerer Drogen steht, schien er ein Geschöpf zu sein, das diese neue, furiose Stadt erst hervorgebracht hatte - mit seinem dunklen, talgigen Körper, in dem sich wie in Millionen anderer Männer, die graue Hüte trugen und Gesichter von derselben leblosen und unsäglichen Tönung hatten, die Grundsubstanz der Stadt verdichtet zu haben schien, aus dem Stoff des Gehweggraus, aber auch aus dem Stoff der Gebäude, Türme, Tunnel, Brücken, Straßen. In seinen Adern floss statt Blut, so schien es, eine fieberhafte, unnatürliche, elektrische Energie, mit der die ganze Stadt angetrieben wurde und die sich in jeder Handlung und Geste des Mannes ablesen ließ, während sein verderbtes, vergiftetes, finsteres Gesicht über dem Lenkrad lauerte, und so, wie seine glitzernden Augen von rechts nach links sprangen und er mit der Gerissenheit eines Irren und der Geschicklichkeit und Präzision eines ebenso finsteren wie unfehlbaren Mechanismus haarscharf auswich, Ecken schnitt, sich vorbeischob, die Spur wechselte, in Lücken schlüpfte und die große Limousine mit riskanter, mörderischer Tollkühnheit durch noch die schmalste Bresche schlängelte und vorwärtstrieb, war es offenkundig, dass die kriminelle, ungesunde chemische Mischung in ihm im Gleichklang mit einer großen Energie floss, die überall um ihn herum in der Stadt pulsierte.

...

[Und all dies -] die Gefühle von Bedrohung, Feindseligkeit, Gerissenheit, Hinterlist und Sieg, aber vor allem das Gefühl, privilegiert zu sein - steigerte Jacks Vergnügen und übte, während er auf dem Weg zur Arbeit war, eine prickelnde, belebende Wirkung auf ihn aus. Zugleich beschworen die unnatürliche und ungesunde Energie seines Fahrers, dessen wie von Drogen glänzende Augen und sein böses Gesicht in Jacks Kopf die vollständige Szenerie einer geisterhaften Theaterwelt herauf. Statt sich selbst als einer unter Millionen zu sehen, die sich zu ihrer Arbeit begaben, im gewöhnlichen, sachlichen und ungeheuer natürlichen Tageslicht, sah er sich und seinen Fahrer als zwei gerissene, machtvolle Männer, die triumphierend gegen die Welt antraten, und die monströse, unmenschliche Architektur der Stadt, das gespenstische Chaos des Verkehrs, das Geflecht der Straßen mit dem Gewimmel von Millionen namenloser Menschen wurde zu einer gewaltigen, gewirkten, wandelbaren Kulisse für seine Aktivitäten.
Und so wie die unwirkliche, fiebrige Welt gigantischer Spekulationen, in der er bei Tag lebte und die jetzt eine theatralische Form und Farbe angenommen hatte, in jeder Hinsicht von diesem starken Gefühl des Privilegiertseins getragen wurde - des Privilegiertseins von Männern, die aufgrund einer geheimnisvollen Intuition oder Einsicht, die sie angeblich besaßen, aus dem Menschenschwarm der Erde ausgewählt waren, um abseits von Lohnarbeit oder Warenproduktion ein Leben in Luxus zu führen, in einer Welt, wo ihre Profite mit jedem Ticken der Uhr unglaublich wuchsen oder wo sich ihr Reichtum durch bloßes Kopfnicken oder das Heben eines Fingers fabelhaft vermehrte -, so schien es Jack nicht nur völlig angemessen, sondern im Gegenteil auch erfreulich und wünschenswert, dass das gesamte Gefüge der Gesellschaft, von der Spitze bis zum Bodensatz, wie ein Bienenstock von Privileg und Betrug durchzogen sein sollte.

...

Das also war der tadellos gepflegte kleine Mann, der jeden Morgen von einem Irren bei seinem Bankhaus abgeliefert wurde. Und auch wenn die Kluft zwischen seinen Überzeugungen und seinem Handeln, zwischen seinen düsteren Ansichten zu menschlichem Tun und Trachten einerseits und der Mildtätigkeit und Großzügigkeit seines eigenen Wesens andererseits, merkwürdig erscheinen mag, auch wenn seine Geschicklichkeit und Findigkeit bei diesem Balanceakt merkwürdig erscheinen mag, wo er doch im Glauben an die Beständigkeit der Familie die einzige, noch verbliebene Verankerung in einer älteren, traditionelleren Lebensform fand, so war all dies doch keineswegs merkwürdig. Denn dort, wo der Irre ihn absetzte, entstiegen jeden Morgen im Umkreis von wenigen hundert Metern zehntausend andere Männer ebenfalls ihren funkelnden Donnergeschossen, Männer, die ihm in Kleidung, Stil, Gestalt und Aussehen ganz ähnlich waren und die auch in ihren fantastischen, düsteren Überzeugungen, ja sogar in ihrer Freundlichkeit, Barmherzigkeit, Liebe und Toleranz diesem korpulenten kleinen Juden ganz ähnlich waren, und begannen wie er einen neuen Tag voller Legenden, Rausch und Raserei.