Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Ursula Schötzig
Andrea Salt
Judith Sombray

Claus Berg

aus: "Auf der anderen Seite" | Erzählung


     Ich sehe den Mann im Fernseher reden. Er spricht meine Sprache. Ich erkenne die Worte, die er benutzt, aber sie haben ihre Bedeutung verloren. Sie sind nur noch Geräusche, die in unrhythmischen Abständen seinen kleinen Mund verlassen, der sich öffnet und schließt und wieder öffnet, während sich sein weiches Gesicht um dieses kleine Loch herum vor meinen Augen zu immer neuen Masken verformt als wäre es aus Knetmasse. Ein Vorhang fällt.
     Als ich wieder zu mir komme, steht mein Crosstrainer über mir und reckt seine dünnen Ärmchen in den Himmel, der nicht der Himmel, sondern meine Zimmerdecke ist. An der Decke krabbelt eine Fliege hin und her. Ein unsichtbares Muster entsteht. Vielleicht eine Botschaft von Jason aus dem Jenseits? Ich versuche mir das Muster einzuprägen, aber es gelingt mir nicht.
     In den nächsten Tagen nehme ich keine Nahrung mehr auf, dann fange ich an mechanisch Chips, Eis und Kuchen in mich hineinstopfen, bis ich mich übergeben muss und dann fange ich wieder von vorne an. Manchmal ist es Tag und manchmal ist es Nacht. Der Fernseher läuft pausenlos. Immer wieder wird der Unfall gezeigt. Jasons letzte Minuten in Endlosschleife. Aufnahmen der Kamera, die die Straße vor ihm filmt. Farbschlieren ziehen sich quer über den Monitor, als sein Wagen ins Schleudern gerät, sich überschlägt, dann liegenbleibt zwischen Geröll und abgeknickten Baumstämmen, dann die CarCam, die Jason filmt. Sein Kopf liegt verdreht wie der einer Marionette auf dem Lenkrad, die Augen starren ungläubig ins Leere, unter seiner Wange quillt die schlaffe Haut des Airbags hervor wie eine leere, weiße Sprechblase.