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Maria Regina Heinitz

aus: „Schneckenkönig“ | Roman


... Als Louise zurückkam war der Winter fast vorüber und das ungeborene Kind drückte sichtbar Hände und Füße gegen die Haut, die es umgab wie ein kleiner Ballon, von dem man glauben konnte, Lou habe ihn sich spaßeshalber vor den Bauch geschnallt. Sie ging jetzt nicht mehr so viel durchs Haus, es rauchte nur noch aus dem Aschenbecher neben dem Sofa im Erdgeschoss und manchmal sah ich sie, sich sehr langsam im Wintergarten zu Adams Gitarrenmusik bewegen. Lou ließ mich, während sie auf dem Sofa las, an ihrem gewölbten Bauch sitzen. Ich hielt ein Höhrrohr an die gespannte Bauchdecke und trieb über rauschende Schallwellen hinweg in ein wohlig hallendes Fruchtwasserall, immer tiefer zu dem kräftig pulsierenden Ton eines mir längst nicht mehr fremden Herzens.

Die Fruchtblase platzte während eines Frühjahrssturms, als Lou auf dem Sofa lag. Das Polster war über Monate noch feucht und wurde im Kern nie trocken. Es riecht heute noch leicht nach etwas Essentiellem, nach Erde vielleicht, nach Magdalena.

‚Keine große Sache!’ Kommentierte Lou die Geburt später. Damit wurde sie dem Ereignis natürlich nicht gerecht, schilderte aber ihre eigene Sicht der Dinge wahrscheinlich treffend. Adam war in schrecklicher Aufregung. Erst viel später habe ich begriffen, welch emotionales Mienenfeld sich durch dieses Ereignis vor ihm ausgebreitet haben muss, aber er manövrierte sich hindurch.

Er trug Lou wie eine Verletzte durch den prasselnden Regen zur umgelegten Rücksitzbank seines Warszawa. Otto, mein Hund, und ich kletterten neben sie. Alles war binnen kürzester Zeit feucht. Adam drehte die Heizung auf und bis wir vorn an der Tankstelle auf der Hauptstraße angekommen waren, hatte sich im Wagen eine tropenähnliche Hitze ausgebreitet. Die Fenster beschlugen, hinter Tröpfchen-Gardinen saßen wir und ich versuchte vergeblich, mit dem Ärmel meines Pullovers einen Blick nach draußen frei zu wischen.

Otto, längs neben Lou ausgestreckt, leckte voller Hingabe ihre Knöchel. Sie lachte und rollte den Kopf hin und her. Die Scheibenwischer schoben ächzend zerbrochene Äste und zarte, vom Sturm zerrissene Blätter von der Scheibe, Windböen peitschten Regen im Stakkato gegen den Wagen, wir zerteilten tiefe Pfützen wie ein Boot, das durch die Flut braust, schmutziges Wasser spritzte vor und neben uns auf, in unbändigen dunklen Fontänen. Adam fuhr verboten schnell und über jede rote Ampel, er öffnete sein Fenster und brüllte ‚Hau ab!’ oder ‚Fahr schneller, du Trottel!’ wenn sich ihm jemand in den Weg stellte, ‚Wir bekommen ein Kind, skurwysyn*!’ *Hurensohn. Louise hörte überhaupt nicht mehr auf zu lachen, es war eine regelrechte Attacke, Tränen liefen ihr aus den Augenwinkeln, sie lachte immer wilder, als habe sie drei Joints geraucht, tatsächlich, gestand sie Adam tags darauf, war es nur einer. Sie packte in einer suchenden Bewegung meine Hand und presste die Finger in regelmäßigen Abständen zusammen, es tat höllisch weh, ich konnte sie ihr jedoch nicht entziehen, sie ließ keine Sekunde locker, bis Adam abrupt unter dem Vordach der Notaufnahme stoppte. Zwei Männer kamen aus dem Innern des Glaskastens gerannt, sie hoben Lou, die plötzlich sehr still geworden war, aus dem Wagen, legten sie auf eine rollende Trage und schoben sie, begleitet von einer neu einsetzenden Lachsalve und meinem blassen Vater, in die neonhellen Verzweigungen der Ambulanz.

Ich war mit Otto einmal um den modernen Krankenhauskomplex herumgegangen, als mich eine Krankenschwester vor der Glastür abfing und sagte: ‚Komm Junge, deine Schwester ist da!’
‚Und?’ fragte ich.
‚Sie hat sofort die Augen aufgemacht, geschrien und nach der Nabelschere gegriffen. Der Herr Doktor musste sie ihr regelrecht aus der Hand winden!’

‚Meine Schwester,’ dachte ich bei jedem Schritt über den glänzenden Boden der Geburtsstation, wahrscheinlich dachte ich über fünfhundert Mal ‚meine Schwester’ und als ich vor ihr stand, wusste ich, dass es nicht das richtige Wort war für ein so kleines Mädchen, das direkt nach der Geburt die Dinge selbst in die Hand nahm.
Adam legte sie mir vorsichtig in den Arm. Alles an ihr strömte die Ahnung einer sorglosen Welt aus, Ruhe, Schwerelosigkeit und den Duft von jemandem, den du lange vermisst hast, dessen Geruch du dunkel irgendwo gespeichert aber vor lauter Warten fast vergessen hattest. Da war sie. Klein, zart, leicht und zerbrechlich wie eine Puppe. Sie sah mich an. ‚Magdalena,’ sagte ich und sie zuckte ganz leicht mit einer Wimper.

Obwohl Lou sofort mit nach Hause kommen wollte, bestand Adam darauf, die beiden sollten die erste Nacht im Krankenhaus bleiben, sicherheitshalber. Ihr war anzusehen, dass sie eine Salve an Begründungen parat hatte, warum sie nicht bleiben konnte. ‚Für mich’, sagte Adam bevor sie etwas äußern konnte, ‚tu es einfach für mich!’ Sie erzählte von einem Skript, das sie dringend brauchte und das er ihr bringen sollte und war ein bisschen ungehalten, weil man ihr in einer Schnabeltasse Fencheltee anbot.
‚Kaffee,’ rief sie, ‚sie werden doch wohl in diesem Saftladen hier einen Kaffee haben? Das gibt’s doch gar nicht!’ Adam sah hilflos die Kopf schüttelnde Krankenschwester an. Lou machte Anstalten aufzustehen und den Kaffee selbst zu suchen.
‚Sie sollten sich ein bisschen ausruhen.’ Die Krankenschwester stand jetzt freundlich lächelnd aber ein wenig zu breitbeinig vor dem Bett, als dass man ihr Lächeln hätte ernst nehmen können.
‚Das Leben ist zu kurz, um sich auszuruhen, Madame.’ Warf Lou ihr mit einem schalkhaft drohenden Blick zu.
‚Es wird vielleicht zu kurz, wenn sie es nicht tun.’ Mit einem gezielten Griff hob die kräftige Frau Lous Beine zurück ins Bett und deckte sie nachdrücklich zu. Obwohl sie, wie Adam später erzählte, nur einmal ein- und dann das kleine Mädchen praktisch ausgeatmet hatte, wirkte Lou tatsächlich sehr erschöpft. Sie seufzte und schloss für einen Moment theatralisch die Augen. ‚Gebe mich geschlagen, Frau Oberstabsfeldwebel!’
‚Gut,’ knurrte die, ‚dann trinken Sie jetzt einen schönen Milchbildungstee,’ und nahm mir Magdalena ab.
Als Adam und ich mit Otto nach Hause fuhren war es immer noch stürmisch. Die tief hängenden Weidenzweige wogten wie schweres Haar, behäbig. Überall lag dürres, abgebrochenes Geäst und drinnen hörten wir dann die Regentropfen unaufhörlich gegen die Fenster klopfen. Es war kühl im Haus und roch nach verbranntem Holz. Adam zündete im Kamin aufgeschichtete Scheite an. Wir legten uns vor wachsenden Flammen auf den bunten Teppich, eines der wenigen Dinge, die wir aus Warschau mitgebracht hatten.
‚Wir brauchen jetzt auch Ruhe,’ sagte Adam, ‚du und ich. Es ist viel passiert.’ Er hatte mir einen schwarzen Tee gemacht und trank selbst einen, aus dem wehte der scharfe Dunst von Babunias selbstgebranntem Schnaps. Wir saßen uns gegenüber, Otto dicht bei uns, teilten den warmen Platz, die Beine ineinander verkeilt und sahen in das Feuer. Im unruhigen Licht eilten Schatten über das Gesicht meines Vaters, in dem sich jetzt Erleichterung zeigte. Er massierte meine Fußsohlen, er wusste, dass ich das liebte. ‚Tatu?, wie war es bei mir?’, fragte ich, ‚bei meiner Geburt?’ ich spürte, wie ich Mühe hatte, zu sprechen. Er zog an meinen Füßen, griff nach den Beinen und drehte mich in seinen Arm. ‚Es war tiefster Winter,’ sagte er an meinem Ohr, sein langes störrisches Haar kitzelte meine Wange, ‚es war sehr, sehr kalt. Der Schnee lag hoch, meterhoch, er türmte sich überall, weit über meinem Kopf.’ Ich hörte, wie der Tee in seinen Körper rann. ‚In Warschau fuhren längst keine Straßenbahnen mehr, ein Auto hatten wir noch nicht. Weronika, deine Mutter, war schwer krank. Wir wussten nicht, ob wir ihr und dein Leben retten können würden. Die Babunia war zu uns gekommen und Olek, mein alter Freund Olek aus Silna, der Arzt, erinnerst du dich an ihn von den Familienfesten? Er war da. Er blieb die ganze Zeit an unserer Seite. Einen Tag und eine ganze Nacht haben wir gekämpft, habt ihr gekämpft, Leben und Tod lagen nie dichter beieinander.’ Er schloss die Augen. ‚Dann, es war früher Morgen, kamst du. Ganz still, als würdest du sie nicht wecken wollen, hast du deinen ersten Atemzug gemacht. Babunia wickelte dich in warme Tücher. Wir hatten kurz die Balkontür geöffnet, hörten die Schritte des Zeitungsboten draußen, die ersten noch schlafmüden Vögel. Ich hab euch beide im Arm gehalten, Felu?.’ Er zog mich noch fester an sich. ‚Es war sehr friedlich und feierlich, wir haben geweint und gelacht und gebetet und dann hast du ganz leicht den Kopf gedreht, als hättest du den Flügelschlag vor uns gehört und eine dieser Tauben, die auf den Bäumen draußen herumsaßen, kam hereingeflogen.’
‚Was?’ Er hatte mir nie davon erzählt. ‚Was habt ihr mit ihr gemacht?’
‚Wir haben sie gelassen. Sie hat sich umgesehen, als wolle sie nach dem Rechten sehen. Der heilige Geist!, hat die Babunia gerufen und: Mein Gott, er ist ein richtiges Glückskind! Und irgendwann ist die Taube dann ganz leise wieder in den Morgen hinaus geflogen.’

(...)