Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Ursula Schötzig
Judith Sombray
Andrea Salt

Andrea Salt

aus: "Hundert Aspekte des Mondes" | Erzählprojekt


Sie nahm den letzten Zug. Er begleitete sie bis zu der U-Bahn-Station, die direkt unter einem mehrstöckigen Wohnhaus lag. Man spürte das Vibrieren des Pflasters, wenn man sich dem Eingang näherte. Er nahm ihre Hand, als sie die Treppe hinuntergingen, und sie ließ es geschehen. In der Station blieb sie stehen und suchte in ihrer Tasche nach der Fahrkarte. Sie steckte die Karte in den Schlitz, wartete, bis der Automat die Informationen ausgelesen und die Karte wieder ausgespuckt hatte, und drückte mit dem Schambein gegen das Drehkreuz. Er folgte ihr auf den Bahnsteig, wo sie vom Sog des gerade abfahrenden Zuges erfasst wurden.
Sie setzten sich auf eine jener Bänke, die verhindern sollten, dass jemand darauf schlief, und deshalb so geformt waren, dass sie keine Nähe zuließen. Er versuchte es trotzdem, aber sie wich aus. Sie hatte sich entschieden. Sie würde in ihr Leben zurückkehren, er in seines. Für kurze Zeit hatten sich ihre Leben gekreuzt, aber es war nur eine Frage der Zeit gewesen. ,,Warum jetzt?", fragte er. Sie antwortete nicht.
Eine Frau, die sich bei genauerem Hinsehen als nicht so alt herausstellte, war nähergekommen. Sie bemerkten es erst, nachdem sie sich neben ihn gesetzt hatte. Sie spürte seine Irritation. Die Frau hatte kurze Haare und trug eine abgegriffene Pelzjacke. Sie begann, eine kleine Tafel Schokolade auszuwickeln. Sorgfältig löste sie das Papier, strich es glatt und steckte es in die Tasche. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und balancierte das stanniolverpackte Stück Schokolade auf ihrem Knie. Seite für Seite faltete sie die Folie nach auflen, bis die Schokolade offen auf dem silbernen Quadrat lag. Seine Unruhe wuchs, und er warf der Frau neben sich irritierte Blicke zu. Diese steckte sich das Stück Schokolade in den Mund und begann dann, das Stanniolpapier glattzustreichen.
Ein Zug näherte sich. Die Luft auf dem Bahnsteig geriet in Bewegung, erfasste das silberne Papier auf dem Knie der kurzhaarigen Frau und trug es davon. Es flog durch die Luft, kreiste um eine unsichtbare Achse und pendelte dann zu Boden. Die Frau stand auf und folgte dem Papier. Sie bückte sich danach, aber als sie die Hand ausstreckte, wurde es von der nächsten Windböe aufgewirbelt.
Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Die Lichter glitten an der Tunnelwand und auf dem Bahnsteig entlang. Unscharf bewegte sich der Zug durch ihr Gesichtsfeld, bis er zum Stillstand kam und sie ihren Blick auf die Türen heftete. Sie stieg ein. Er folgte ihr bis an die Bahnsteigkante. Sie sah, wie die Frau in der Pelzjacke beharrlich dem silbernen Papier folgte, das der Wind auf einer der Treppenstufen abgelegt hatte. Das Signal ertönte, und die Türen schlossen sich. Sie sah ihr Gesicht in der Scheibe der geschlossenen Tür, dahinter sein Gesicht, die buschigen Augenbrauen, die dünnen Lippen. Ihre Gesichter überlagerten einander, bis sich der Zug in Bewegung setzte und sie trennte. Sie blieb an der Tür stehen, hinter ihrem Spiegelbild nichts außer der dunklen Tunnelwand. Sie nahm den letzten Zug bis zur letzten Station.