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Christel Hildebrandt
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Ursula Schötzig
Andrea Salt
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Christel Hildebrandt

aus: "Professor Hieronimus" von Amalie Skram | Guggolz Verlag Berlin 2016

übersetzt aus dem Norwegischen

 

IV

Als sie am Krankenhaus angekommen waren, war es noch eine Viertelstunde hin bis drei Uhr, also liefen sie eine Seitengasse auf und ab, beide nervös und angespannt, wechselten sie kaum ein Wort miteinander.
„Wie spät ist es jetzt?“, fragte Else.
„Es sind erst sieben Minuten vergangen.“
„Ist das möglich?“
Sie liefen weiter, die Stille wurde nur von Elses Fragen nach der Uhrzeit unterbrochen. Knut antwortete jedes Mal, dass seit der letzten Frage erst wenige Minuten vergangen waren.
„Nie hätte ich gedacht, dass eine Viertelstunde so lang sein kann“, rief Else aus. „Bist du sicher, dass deine Uhr nicht stehengeblieben ist?“
Knut schüttelte den Kopf und Else ging dazu über, lautlos zu zählen. Jedes Mal, wenn sie bei 60 angekommen war, musste also eine Minute vergangen sein und sie fing wieder von vorn an.
„Ich weiß ich, dass es drei Uhr ist“, erklärte sie plötzlich und blieb stehen.
Es fehlten immer noch vier Minuten, aber Knut meinte, jetzt könnten sie hineingehen.
Sie passierten das Krankenhaustor und gingen über einen großen, mit Kies bestreuten Innenhof mit eingezäunten Beeten voller schwarzer Erde und braunen, winterkahlen Bäumen. Als sie den innersten Hofbereich erreicht hatten, zeigte Knut auf ein kleineres, zweigeschossiges Steinhaus, das etwas abseits von den anderen langen Gebäuden lag und sagte: „Da ist es.“
Else warf ihrem Mann einen Blick zu, der fragte, ob er nicht auch finde, dass sie mutig sei, und ging zielstrebig auf die kleine Treppe zu, um dort die Inschrift auf einer Tür zur Rechten genau zu studieren. Es war ein Bibelspruch.
„Sollen wir klopfen?“
Knut klopfte, und als niemand antwortete, öffnete er die Tür und ließ Else als Erste eintreten.
Es war ein langgestreckter, düsterer Raum mit nacktem Fußboden, gelbe Bänken an den Wänden und einem großen Spucknapf auf dem Boden. Im Zimmer befanden sich zwei Männer, ein Bauer, der vornübergebeugt auf einer Bank saß, die Hände zwischen den Knien, den Kopf tief gesenkt, und ein jüngerer Kerl, der aussah wie ein Handwerker oder ein Schullehrer mit einem gelblichen, kränklichen Gesicht und dichtem, verwelkt scheinendem, ungepflegtem Haar.
Knut und Else setzten sich auf die Bank gegenüber dem Handwerker, der in eine Zeitung vertieft zu sein schien, die er zwischen den Händen hielt. Kurz darauf schaute er schüchtern von dem Blatt auf, und als er Elses Blick begegnete, die ihn betrachtete, lächelte er halb verlegen, halb flirtend, als wollte er sagen: Ihnen ist ja wohl klar, dass ich nicht meinetwegen hier sitze.
Es war still im Raum. Nur die tiefen Seufzer des vorgebeugt dasitzenden Bauern waren zu hören, jedes Mal, wenn er ausspuckte, was er häufig tat, und obwohl er weder seine Position änderte noch auch nur den Kopf hob, so traf er doch immer mitten in den Spucknapf, der mindestens eine Elle von ihm entfernt stand.
Die Tür zum Flur wurde geöffnet und ein großer Mann in selbstgeschneidertem Kittel, einem schmalen Kopf mit glattgeschnittenem Haar und einem Wollschal um den Hals trat ein. Elses Herz begann heftig zu schlagen, sie schaute Knut fragend an, begriff aber sogleich, dass das nicht Hieronimus war. Der Mann blieb einen Augenblick lang stehen, schaute sich um, dann ging er auf Zehenspitzen langsam in die hinterste Ecke des Raumes und setzte sich mit dem Rücken zu den anderen in die Ecke.
Weitere Minuten vergingen. Der Handwerker las in seiner Zeitung, der Bauer seufzte und spuckte, und der Mann in der Ecke saß steif und starr wie eine Säule da.
Auf den Treppenstufen draußen waren leichte, eilige Schritte zu hören, die weiter den Flur entlang liefen. Die Tür wurde schnell aufgerissen, und herein kam ein geschäftiger, zierlicher Mann mit einem kalten, blassen Gesicht ohne Bart, mit straff nach hinten gekämmtem Haar. Er durchquerte das Zimmer ohne nach links oder rechts zu schauen, machte dem gebeugten Bauern, der sich mittlerweile aufgerichtet hatte, ein Zeichen, worauf dieser aufstand und dem emsigen Mann in einen Nebenraum folgte.
„So sieht er also aus“, flüsterte Else. „Aber ich finde nicht, dass seine Kleidung schäbig ist.“
Knut flüsterte lächelnd zurück. „Nein, diese nicht.“
Kurz darauf kam der Bauer aus dem Nebenraum zurück, und auf der Türschwelle blieb Hieronimus stehen. Einen Augenblick lang starrte er Else an, dann nickte er kaum merklich Knut mit dem Kopf zu, worauf dieser aufstand und zu ihm ins Zimmer ging.
An wen erinnerte Hieronimus‘ Blick Else nur? Sie dachte darüber nach, dann sah sie vor ihrem inneren Auge einen traurigen Menschen, der eindringlich sprach, und kurz darauf eine weiße Krawatte unter einem spitzen Kinn und streng nach hinten gekämmtes Haar, und schließlich eine Kirchenkanzel. Eine Kirchenkanzel? – Ja, jetzt war es ihr klar! Der junge Theologe, den sie vor vielen Jahren auf dem Pfarrhof ihres Onkels getroffen hatte, und der einmal, als der Onkel erkältet gewesen war, hatte predigen dürfen. Ja, er war es, dieser fromme, fanatische Mensch, dessen Augen einen Ausdruck zeigten, als lasteten alle Sünden der Welt auf seinen Schultern, und er war nicht nur betrübt deshalb, sondern außerdem voller Eifer und Wut im Namen des Herren. Oft hatte sie mit ihm über religiöse Dinge gesprochen, und sie hatte ihn gemocht, weil er so ehrlich war und sein Sinn so rein. Gottseidank war es also ein unsympathischer Mensch, an den Hieronimus sie erinnerte, wo er nun einmal ganz und gar nicht so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatte. Und Gottseidank hatte sie herausgefunden, an wen er sie erinnerte, so dass sie nicht auch noch darüber weiter grübeln musste.
Knut kam zurück, nun ging Else zu Hieronimus hinein. Dieser saß neben einem Schreibtisch, zurückgelehnt auf einem Stuhl, ein Bein über das andere geschlagen, zwischen den Händen hielt er einen kleinen Gegenstand, den er hin und her drehte. Mit einer leichten Kopfbewegung gab er Else zu verstehen, dass sie sich auf einen Stuhl an der Schreibtischecke setzen sollte.
„Es geht Ihnen also nicht besonders gut“, begann Hieronimus mit scharfer, monotoner Stimme und betrachtete sie dabei unverwandt.
„Nein“, brachte Else mit Mühe hervor.
„Sie leiden unter Schlaflosigkeit“, fuhr der Professor fort und machte dann eine kleine Pause. „Ihr Gemüt ist sehr niedergeschlagen – des Nachts. Ihr Mann hat es mir erzählt – nun ja, kurz gesagt: Ihnen geht es nicht gut. Stimmt’s?“
Else wollte antworten, musste aber stattdessen weinen, sie senkte den Kopf über ihren Muff, den sie an die Augen drückte.
„Ihr Hausarzt ist der Meinung, Sie sollten für eine Weile ins Krankenhaus gehen. Dagegen haben Sie doch sicher nichts einzuwenden?“ Der letzte Satz kam blitzschnell, und gleichzeitig richtete der Professor sich auf seinem Stuhl auf.
Else schüttelte den Kopf.
Hieronimus stand auf, öffnete die Tür und winkte Knut zu sich.
„Ihre Frau kann heute Nachmittag herkommen. Am besten so in einer Stunde.“
„Oh nein, nicht vor dem Abend“, bat Else.
„Die Hausordnung lässt nicht zu, dass jemand nach 18 Uhr aufgenommen wird.“
„Ja, gut, dann um 18 Uhr.“
„Sie soll eine Tasche mit den notwendigen Toilettensachen und Nachtwäsche mitbringen.“ Wieder hatte Hieronimus sich an Knut gewandt. „Mehr nicht. Im Büro erfahren Sie, welche Kautionssumme verlangt wird und wie hoch der Preis für die Privatpflege ist.“
Else hatte verschiedene Sachen auf dem Herzen, über die sie gern mehr erfahren hätte, aber Hieronimus hatte bereits die Tür zum Wartezimmer geöffnet und war dabei, sich zu verabschieden.
„Oh je“, sagte Knut und seufzte, als sie über den Hof gingen. „Ich hoffe nur, es ist das Richtige, was wir hier tun.“
„Warum sollte es nicht das Richtige sein?“, fragte Else keck, während die verzweifelte, unsichere Miene ihres Mannes sie gleichzeitig verunsicherte.
„Ja, wollen wir es nur hoffen“, sagte Knut und seufzte erneut.

Sie hatten gegessen, und jetzt war Else ins Schlafzimmer gegangen, um ihre Tasche zu packen.
Knut kam mit einigen Büchern zu ihr. „Das wird wohl fürs Erste reichen“, sagte er.
„Ja danke. Du kannst mir ja neue bringen, wenn du mich besuchst … Obwohl – für so kurze Zeit …“
„Acht bis zehn Tagen höchstens“, seufzte Knut. „Bist du fertig?“
Kurz darauf zog sich Else ihren Mantel über. Sie ging in die Küche und verabschiedete sich von den Mädchen und bat sie, sich gut um Tage zu kümmern. Dann kam sie zurück und nahm den Jungen in ihre Arme und versprach, bald zurückzukommen und ihm Geschichten zu erzählen und mit ihm zu spielen, wobei sie mit den Tränen kämpfte.
„Nun komm, Else.“
Else küsste das Kind immer und immer wieder. Dann stellte sie ihn auf den Boden und flüsterte einen letzten Abschiedsgruß.
Der Wagen fuhr durch das Krankenhaustor, über den großen Innenhof, und hielt vor dem hintersten, langgestreckten Gebäude. Sie klingelten an der Eingangstür, erfuhren aber von einer Dame, die ihnen öffnete, dass sie hier falsch waren. Hier war die Herrenstation, sie müssten um die Ecke zu dem anderen Eingang gehen.
Und hier gab es keine Hindernisse mehr. Die Haustür war unverschlossen, der großzügige Treppenaufgang von Gaslampen erleuchtet. Oben gab es nur eine einzige Tür, an der sie klingelten. Sofort waren Schritte zu hören sowie das Rasseln von Schlüsseln. Knut drückte Elses Hand. Er war blass, sagte nichts.
Sie hörten, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, dann ging die Tür auf. Vor ihnen stand eine große Dame mit einem feinen, blassen Gesicht, in der kleidsamen Tracht der Krankenschwestern. Ein großer Schlüsselbund hing vor ihrer grauweißen Gummischürze.
„Frau Kant? Bitteschön. Lassen Sie mich das tragen“, sie griff nach der Tasche.
„Ja, dann lebe wohl, Else“, sagte Knut mit bebender Stimme und gab ihr einen Kuss.
„Ich will hier nicht rein. Das ist ja alles abgeschlossen, wie in einem Gefängnis.“ Else trat trotzig ein paar Schritte zurück.
„Mach dir darüber keine Gedanken, Else. Die Eingangstür muss ja wohl verschlossen sein.“
„Kommst du morgen?“ Else näherte sich widerstrebend der Tür.
„Ja, Else.“
„Sicher?“
„Ja. Und nun lebe wohl.“
„Lebe wohl.“ Sie warf ihrem Mann einen letzten Blick zu und wandte sich dann der Dame zu, die mit der Reisetasche in der Hand auf der Türschwelle stehen geblieben war.

 

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XXIX

Als der Assistenzarzt seinen abendlichen Rundgang machte, bat Else ihn um weitere gelbe Hefte.
„Das erlaubt der Professor nicht.“
„Hat er Angst, das könnte mir schaden?“ Else musste lachen.
„Der Professor möchte, dass Sie erst etwas freundlicher zu ihm sind.“
„Ja, das gefällt mir. Das hätte ich an seiner Stelle auch gewollt. Genau das.“
Am nächsten Morgen ließ die Visite länger auf sich warten als üblich. Else, die am Fenster gesessen und gehäkelt hatte, legte ihre Arbeit zur Seite und ging hinaus auf den Zellengang.
„Ich habe doch gesagt, dass ich mich nicht in Frau Lunds Angelegenheiten einmischen will“, sagte Bella Holm, die auf ihrer Jagd entlang den Zellenwänden stehengeblieben war, als Else zu ihr hereinkam. Sie war im Nachthemd, mit einer kurzen Strickjacke darüber, das Gesicht schien noch blauer und geschwollener als vorher.
„Man soll sich nämlich aus den Angelegenheiten anderer Leute raushalten“, erklärte sie Else mit ernster Miene. „Was geht es die anderen an, wie viele Schnäpse ich zu meinen Mahlzeiten trinke? Ich trinke nur zum Essen Schnaps, sonst nicht, und das kann doch nicht schaden. Außerdem finde ich es äußerst merkwürdig, dass Frau Lund meine Kommode wegschaffen wollte.“
„Sie wollte Ihre Kommode wegschaffen?“, fragte Else.
„Ja, Sie sehen es doch selbst. Oder ist hier etwa eine Kommode?“ Bella Holm schaute sich nach allen Seiten hin um. „Man ist ja nicht blind … oh nein, Sehen Sie, da ist der Kanarienvogel!“ Damit lief sie zum Fenster.
„Ins Bett mit Ihnen“, befahl die Krankenschwester, die gerade hereinkam.
„Ja, ja, ich werde schon ins Bett gehen“, erwiderte Bella Holm in einem Ton, als wollte sie die Krankenschwester freundlich auf ihre unpassende Schroffheit hinweisen.
„Na, da hört man doch gleich, dass es sich um einen gebildeten Menschen handelt“, sagte die Schwester daraufhin.
Else ging zu Frau Syverts, die aufrecht im Bett saß und sich das Haar kämmte. Die Großmutter stand bei ihr, vorgebeugt flüsterte sie ihr emsig etwas zu. Else holte vom Flur einen Stuhl für die alte Frau.
„Sie ähneln wirklich meinem Norweger“, sagte Frau Syverts zu Else mit einem neckischen Lächeln, während sie die ausgekämmten Haare aus dem Kamm entfernte, sie zusammenwickelte und sorgfältig in ein Stück Zeitungspapier schob. „Das habe ich schon am ersten Tag gesehen.“ Dann wischte sie den Kamm mit Zeitungspapier ab, pustete noch einmal auf ihn und legte ihn anschließend auf den Nachttisch. „Ach, wenn ich nur etwas Wasser hätte, um mir die Hände zu waschen.“ Dabei betrachtete sie missmutig ihre Finger.
„Ich habe Sie in Ihrem Zimmer gesucht.“ Else drehte sich um. Da stand die Comtesse in ihrem schwarzen, spitzenbesetzten Kleid.
„Was will die hier!“, rief Frau Syverts aus und zeigte auf die Comtesse. „So eine!“
„Wir sind doch alle Schwestern vor Gott“, erwiderte die Comtesse mit ihrer sanften, leisen Stimme und legte Frau Syverts eine Hand auf die Schulter. „Ich bete für Sie zu Jesus. Kennen Sie Jesus?“
„Na, man ist ja wohl getauft und konfirmiert, denke ich mir“, schnaubte Frau Syverts. „Aber fassen Sie mich nicht an, ich habe ganz fettige Finger.“
„Oh ja, Jesus, Jesus“, plapperte die Großmutter und schüttelte ihren kleinen Kopf in der Nachthaube.
„Na, hier ist ja richtig Stimmung.“ Else und die Comtesse zuckten zusammen und drehten sich um. Hieronimus stand in seinem langen weißen Kittel in der Zelle. Das Licht der klaren Februarsonne fiel durch das Fenster direkt auf sein Gesicht, und Else stellte fest, dass seine Augen klarblau waren. Dabei hatte sie immer gedacht, sie wären blass und wässrig. Und welch freundliche und einnehmende Miene er zeigen konnte. Sie war verwundert, fast verwirrt, wie an einem Frühlingstag bei einem Spaziergang durch den Wald, wenn plötzlich der Lenz in der Luft ist.
„Ich würde gerne mit Ihnen sprechen, Frau Kant“, sagte er mit einem freundlichen kleinen Lächeln und verließ schnell wieder die Zelle. Else folgte ihm und dachte an Thorgrens Sternschnuppe.
„Ich habe Ihren Brief erhalten“, sagte er, als sie in Elses Zimmer saßen. „Und ich habe ihn aufmerksam gelesen. Und nicht nur das, ich habe ihn auch Ihrem Mann und Ihrem Hausarzt vorgelegt. Jetzt werden wir sehen.“
„Vielen Dank“, sagte Else und sah ihn mit einem Blick an, der noch mehr Dankbarkeit enthielt als ihre Worte.
„Dann werden Sie vermutlich bald etwas von Ihrem Mann hören.“
Noch einmal bedankte Else sich.
„Übrigens, möchten Sie nicht vielleicht Ihren Hausarzt sehen? Einem Besuch von ihm steht nichts im Wege.“
Else zögerte mit der Antwort. Es war Knut, den sie sehen wollte, alles andere interessierte sie nicht.
„Zu ihm haben Sie doch Vertrauen, nicht wahr?“, fragte der Professor.
„Ja. Er ist sein zehn Jahren mein Hausarzt. Aber ich habe nicht das Bedürfnis, ihn zu sehen.“
„Nicht? – Sie interessieren sich für die anderen Patientinnen, wie mir scheint?“
„Ja, die Großmutter ist einfach reizend.“
„Nun ja. Guten Morgen.“
Else war voller Hoffnung und Erwartung. Hieronimus hatte Knut und Tvede den Brief vorgelegt. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, was jetzt passieren würde. Noch heute würde Knut kommen und sie holen. Dann war er also doch ein Mann, wie er sein sollte, dieser Hieronimus. Aber sein früheres Verhalten? Nun ja, das konnte sie nicht begreifen, deshalb machte sie lieber einen Strich darunter.
Aber dieser Tag wie auch der folgende ging zu Ende, ohne dass etwas von dem eintraf, worauf Else so ungeduldig wartete. Langsam begriff sie: Sie hatte sich wieder einmal geirrt.
Am Abend des dritten Tages, als Hieronimus bei der Visite eine Weile bei ihr gesessen hatte, bemerkte sie plötzlich: „Also sind mein Mann und Dr. Tvede Ihrem Rat gefolgt und haben zugestimmt, dass ich hier bleibe?“
„Tja“, kam es mit tiefer Zufriedenheit.
Else dachte einen Moment lang nach. Dann sagte sie: „Dann sind Sie also der Meinung, dass ich geisteskrank bin?“
„Tja.“
Dieses „Tja“, ausgesprochen mit schonungsloser Zufriedenheit, traf sie wirklich wie ein Peitschenschlag, gleichzeitig zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Was war zu tun? Nichts. Sie befand sich in seiner Gewalt.
„Ja“, sagte sie und stand auf. „Wenn also der Herr Professor, mein Mann und Dr. Tvede sagen, dass ich geisteskrank bin, dann bin ich ja wohl geisteskrank.“ Sie lief in dem Raum hin und her. „Aber dann muss ich mein ganzes Leben lang schon geisteskrank gewesen sein.“
„Das sind Sie vielleicht ja auch.“
„Ja, Sie ja vielleicht auch“, murmelte Else leise vor sich hin. „Wer weiß?“
„Bei den meisten Menschen kann man wohl etwas finden, wenn man unbedingt etwas finden will, das als Zeichen einer Geisteskrankheit definiert werden kann“, sagte sie laut und schaute Hieronimus dabei an.
„Ich habe mich in den letzten Tagen intensiv mit Ihren Werken vertraut gemacht“, erklärte Hieronimus darauf. „Dieses Interesse für das Abnorme, das Ihre Bilder aufweisen, ist nicht gerade sehr ansprechend.“
Interesse für das Abnorme, dachte Else. War es nicht gerade sein Interesse für das Abnorme, das dem Professor seine Autorität verschafft und ihm diese Position eingebracht hatte?
„Ihre Bilder sind für mich der absolute Beweis dafür, dass Sie abnorm sind. Ja, ich kann ja wohl davon ausgehen, dass Sie in Ihren Arbeiten versucht haben, Ihr eigenes Seelenleben wiederzugeben?“
Else antwortete nicht, sah ihn nur an.
„Und dann die Tatsache, dass Sie nie schlafen. Das ist auch ein sicheres Zeichen für Geisteskrankheit.“
„Hat mein Mann nicht darum gebeten, mich sehen zu dürfen?“
„Nein, in der Richtung hat er nichts gesagt.“
Diese Antwort traf sie wie ein Messerstich ins Herz. Sie lief erneut hin und her, musste sich dann aber hinsetzen, weil ihre Knie so sehr zitterten.
„Ich verstehe das nicht“, sagte sie schließlich und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Er hat mir doch zugesichert, ich sollte hier nur acht bis zehn Tage bleiben.“
„Hm.“
Wieder dieses „hm“, das sie zur Lügnerin stempelte. Aber jetzt beachtete sie das gar nicht mehr. Ihre Gedanken kreisten wie heiße Flammen um das Eine: Dass Knut sie nicht hatte sehen wollen.
„Ich verstehe das nicht“, wiederholte sie. „Ist etwas passiert, seit ich hier bin, etwas, von dem ich nichts weiß?“
„Nein. Aber jetzt, wo Ihr Mann Abstand von Ihnen gewonnen hat, da kann er Sie wahrscheinlich anders und unvoreingenommen betrachten.“
„Ist er denn böse auf mich?“
„Böse? Sie meinen wütend? Man ist auf niemanden wütend, mit dem man Mitleid hat.“ Das wurde mit sanfter, würdiger Güte verkündet.
Else sagte nichts. Es war der schlimmste Augenblick ihres Lebens.
„Überlegen Sie doch nur“, fuhr Hieronimus fort, stand auf und ging in eine Ecke des Zimmers, wo er stehen blieb, einen Ellenbogen an die Wand gestützt, die Hand unter dem Kinn. „Bedenken Sie, dass Sie sich nackt auf den Boden geworfen, geheult und sich dort gewunden haben.“
„Niemals!“, widersprach Else. „Nackt? So etwas könnte ich unmöglich tun.“
„Nun ja, vielleicht hatten Sie etwas an.“
Knut hatte sie nicht sehen wollen! Knut hatte sie nicht sehen wollen!, schrie es in Elses Brust. Was konnte schlimmer sein?
Schließlich ist es der letzte Schritt, seine Frau in die Psychiatrie einweisen zu lassen, hatte der Assistenzarzt gesagt. Sollte Knut sie hereingelegt und verraten haben?
„Sie haben sich insgesamt so verhalten, dass kein Zweifel an Ihrem Zustand herrschen konnte.“
„Das war reine Verzweiflung, weil ich nicht gut genug habe arbeiten können!“
„Aber das wissen Sie doch gar nicht“, fuhr Hieronimus unbeirrt fort. „Sie haben sich doch hinterher gar nicht mehr daran erinnern können.“
„Doch, ich habe mich daran erinnert. Aber ich habe so getan, als könnte ich es nicht, weil es mir so peinlich war.“
„Sehen Sie, das habe ich Ihrem Mann auch gesagt!“, rief Hieronimus triumphierend aus.
„Muss ich noch lange hier bleiben?“
„Oh ja! Sehr lange!“ Wieder klang diese satte Zufriedenheit in Hieronimus‘ Stimme, die Else dazu brachte, ihn mit einem Henker zu vergleichen, der Freude bei seiner Arbeit empfand.
„Kann ich nicht woandershin gebracht werden?“
„Doch, nach St. Jørgen!“, kam es messerscharf.
„Gut. Dann möchte ich lieber nach St. Jørgen. Je eher umso besser.“
Hieronimus ging.
„Der Professor war aber lange bei Ihnen heute Abend.“
Else, die vorgebeugt dagesessen hatte, das Gesicht in den Händen verborgen, hob den Kopf und nickte der Comtesse zu.
„Konnten Sie vernünftig mit ihm reden?“
Else schilderte ihr Gespräch mit dem Professor.
„Aber gütiger Gott!“, rief die Comtesse entsetzt aus. „Wenn er Sie für geisteskrank erklärt, dann kann er das Gleiche mit mir tun … Obwohl es unmöglich ist, sich das vorzustellen!“ Sie ging ein wenig auf und ab, die Hände vor der Brust verschränkt, und blieb dann wieder vor Else stehen und fragte: „Haben Sie denn nicht von ihm verlangt, er solle Ihnen Beweise für Ihre Geisteskrankheit anführen?“
Else schüttelte den Kopf: „Die Meinung dieses Mannes interessiert mich nicht. Außerdem reicht mir schon das, was er gesagt hat.“
„Das ist empörend“, schimpfte die Comtesse. „Aber ich werde ihn morgen danach fragen.“
„Das sollten Sie lieber nicht“, wehrte Else ab. „Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, dann fragen Sie ihn auch nicht nach sich selbst. Das ist vergebene Liebesmühe. Was mich angeht, so hat er offensichtlich irgendwann beschlossen, mich für geisteskrank anzusehen. Und ich war ja auch krank, als ich herkam. Sicher, mit ein wenig gutem Willen kann man das sogar als Geisteskrankheit bezeichnen.“
„Ihre Ruhe ist unnatürlich“, sagte die Comtesse.
„Ach, ist doch nicht wichtig, diese Sache mit der Geisteskrankheit …“ Else schüttelte hilflos den Kopf. „… aber dass mein Mann mich nicht hat sehen wollen …“
„Kommen Sie, wir gehen in mein Zimmer, dann lese ich Ihnen ein Kapitel aus der Bibel vor.“ Die Comtesse nahm Else bei der Hand.
Willenlos stand Else auf und folgte ihr.