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Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
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Dr. Annette Kopetzki

aus: „Das angehaltene Leben“ von Maurizio Torchio | Zsolnay Verlag, Wien 2017

übersetzt aus dem Italienischen

Meine Sachen wasche ich selbst. So sauber werden sie in der Wäscherei nicht. Und du musst bezahlen, wenn du nicht willst, dass etwas wegkommt. Doch über all dem Auswringen in der Aluminiumschüssel sind meine Finger krumm geworden. Sie haben die Form der Schüssel angenommen. Wie die gebundenen Füße der Chinesinnen, wie nennt man das noch? Mir fällt Bonsai ein, aber das ist nicht richtig. Oder vielleicht doch, es ist dasselbe Prinzip: man zwingt etwas dazu, klein zu bleiben. Seit fünf Jahren gehe ich nicht einmal mehr zur Freistunde in den Hof hinauf. Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichem Maß. Nach meinem Maß.
Der Isolationstrakt ist das Gefängnis im Gefängnis. Denn jeder Ort muss ein Gefängnis haben. Wenn du schon im Krankenhaus bist und es geht dir schlecht, was tun sie? Sie legen dich auf die Intensivstation, das Krankenhaus im Krankenhaus. Bist du im Gefängnis, und sie wollen dich bestrafen, ist es genauso. Es muss immer etwas zum Wegnehmen geben, sonst steht alles still. Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. Wo ich vorher war, haben sie Fernseher angeschlossen, nur um damit drohen zu können, sie wieder abzuschalten. Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.
Aber mir geht es gut, da, wo ich bin. Und es ist mir egal, ob sie oben in den Stockwerken einkaufen oder in den Hof gehen können, sich gegenseitig zum Essen einladen, fernsehen … An Lärm bin ich nicht gewöhnt. Bei manchen Leuten war es zu Hause lauter als im Gefängnis. Denen erscheint das alles normal.
Hier unten, im Gefängnis des Gefängnisses, gibt es keinen Betrunkenen und niemand spielt Karten. Nachts wird nicht mehr geschrien, seit Piscio nicht mehr da ist. Er konnte zehn Stunden am Stück schreien, ohne dass ihm die Stimme wegblieb. Jetzt ist es fast still. Übrigens findest du auch oben in den Stockwerken, sogar im ekelhaftesten Schlafsaal immer jemanden, der dir sagt: Du hast Glück, das hier ist die beste Zelle im ganzen Gefängnis. Weil sie immer frische Luft hat. Oder weil sie im Winter nicht zu kalt ist. Weil sie weit weg liegt vom Tisch der Aufseher oder weil die Toiletten vor zwei Jahren erneuert wurden. Der Wagen der Essensausgabe kommt früher, das Essen ist noch warm. Man sieht ein Stück vom Berg. Oder: Du bist im Nu im Hof. Und sie sind wirklich überzeugt davon. Natürlich beschweren sie sich, denn sie beschweren sich andauernd, aber sie sind stolz.
Das lässt sich kaum vermeiden. Du bindest dich an den Ort, wo du bist. Auch wer nur drei oder vier Jahre sitzt, verbringt auf jeden Fall mehr Zeit in der Zelle, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben zu Hause. Wenn du hier ohne Handtuch in die Freistunde runtergehst, sagst du: Ich hab’s zu Hause vergessen. Und als noch Geld im Umlauf war, haben sie gezahlt, haben bestochen, bloß um sich die Zelle jedes Jahr neu streichen zu lassen. Sie kauften Schwämme, Eimer, die besten Putzmittel. Die Fußböden immer blitzblank. Du musst dir die Schuhe ausziehen, wenn du jemanden besuchst. Sie sind überzeugt, dass Putzen eine heikle, wichtige Angelegenheit ist, die niemand besser beherrscht als sie. Die, die seit jeher hier sind. Nachts wollen sie als Letzte schlafen gehen. Den letzten Rundgang machen. Wie ein Familienvater, der die Haustür kontrolliert, wenn alle schon im Bett sind. Auch wenn die Haustür von außen verschlossen ist. Und sobald morgens die Panzertüren geöffnet werden, putzen sie das Stück Flur vor ihrer Zelle.
Um diese Jahreszeit scheint die Sonne in die Wohnung von Comandante, wenn Comandante schon nach unten gegangen ist. Hier bei mir scheint sie nicht herein, sie verändert nur die Farbe der Zementmauer vor dem Lichtschacht, dem Graben und dem Gitter. Als Toro und ich ankamen, gab es diese Mauer nicht, von hier sah man fast das ganze Gebäude der Wärter und das Dach und ein Stück Himmel. Wenn Disziplin herrscht, sind Mauern praktisch überflüssig. Vor hundert Jahren schliefen die Minderjährigen, die die Besserungsanstalt gebaut haben, aus der später das Gefängnis wurde, in Zelten auf der Baustelle, aber keiner ist abgehauen. Sie bauten die Anstalt, die sie einschließen würde, und mittendrin den Hof, mehr nicht. Die Wanne für den Hofgang ist später dazugekommen. Wie ein Gärbecken. Wenn die aus den Stockwerken in die Freistunde runtergehen, kommen sie direkt dort raus. Geht man aus dem Isolationstrakt nach oben in die Freistunde, gelangt man in einen kleinen Hof, nicht größer als zwei Zellen, der in die Wanne hineingebaut ist. Es ist wie eine Matrjoschka. Erst die Außenmauer, dann der Zwinger, das Gefängnis, der Hof, die Wanne für die Freistunde, und in der Wanne der kleine Hof für die in Isolationshaft. Die innerste Puppe ist die kleinste. Die jüngste. Die der Zukunft.

Früher haben sie den Müll in den Zwinger gestellt.
Seit der Wärter in Pension gegangen ist, der für die Hunde zuständig war, traut sich niemand mehr dort hinein, und sie mussten die Mülltonnen direkt vor die Einfahrt stellen. Im Sommer ist das die Hölle. Der Gestank steigt bis zum Himmel, und oben am Himmel warten die Möwen. Das Meiste bringt der Müllwagen weg, im Rückwärtsgang, jeden Morgen. Er leert die Tonnen aus und zerkleinert den Inhalt unter den Augen der Wärter, die kontrollieren, ob sich niemand von uns unter den Müll gemischt hat.
Für die Möwen bleibt wenig. Die Reste der Reste. Bei dem Wind haben sie Mühe, auf der Stelle zu schweben. Doch sie sind beharrlich. Sie warten. Geduldig. Früher oder später wird etwas schiefgehen in der Welt der Menschen. Früher oder später wird ein Müllwagen während der Fahrt umkippen. Früher oder später werden die Menschen weit weg sein oder abgelenkt oder ausgerottet, und sie können sich sattessen. Sie haben das Meer vierhundert Meter weiter unten, aber sie schweben über dem Gefängnis, um zu beobachten, wie die Gefangenen im Schatten auf und ab gehen, in der Zementwanne, die Spazierweg genannt wird. Die Wachen tun das Gleiche. Nichts liegt höher als der Gang auf der Mauerkrone, aber sie blicken von dort aus nach innen.

Toro bringt immer neue Sachen von draußen mit. Und verteilt sie im Hof, damit alle es sehen. Neue Sachen sind hier eine Sucht. Als würden sie von innen leuchten. Wer keine Pakete von zu Hause bekommt, lebt in dunkleren Zellen. Und es ist wahrscheinlicher, dass die Wärter ihn schlagen, wahrscheinlicher, dass ein Gewalttäter ihn zur Frau macht, denn bei einer Zelle ohne neue Dinge denkst du: Der ist allen egal.
Neue Dinge bieten Schutz.
Alles, was von draußen kommt, schützt.
Als sie letztes Jahr den Geistlichen den Zutritt verboten, haben sich die N als Einzige gewehrt. Sie weigerten sich, den Hof nach der Freistunde zu verlassen, setzten sich auf den Boden. Die Wärter hatten Angst, sie anzufassen, konnten sie nicht einmal anblicken. Comandante musste runterkommen und verhandeln. Jetzt kommen noch immer keine Geistlichen rein, aber wer möchte, kann während der Gemeinschaftszeit in einen dafür bestimmten Raum gehen und beten.
Das ist wenig, aber etwas.
Die N bekreuzigen sich, wenn sie in den Hof kommen und ihn wieder verlassen. Sie beten vor dem Schlafengehen, auf ihrem Nachttisch haben sie heilige Schriften liegen.
Toro sagt, dass die Frömmigkeit der Familie aus dem Norden nur Theater ist, dass sie zu jedem Gott beten würden, nur um nicht in der Zelle sitzen zu müssen. Und während der Freistunde beten zu dürfen ist ein lächerliches Zugeständnis, es geht von der Duschzeit ab.
Doch wenn du anfängst zu glauben, dass es lächerliche Zugeständnisse gibt, hast du gegen das Gefängnis schon verloren. Wenn du aufgibst, um jeden Zentimeter zu kämpfen, verlierst du die ganze Wanne im Hof, und die ist dreißig Schritt lang, fünfzehn Schritt breit.
Der ganze erste Stock gehört inzwischen den N. Und auch im zweiten haben sie ihre Leute.
Die N sind das, was Toro und seine Freunde vor zwanzig Jahren waren.
Sie sind ernst.
Sie lassen sich ein N oder die 14 tätowieren, weil N der vierzehnte Buchstabe in ihrem Alphabet ist. Sie lassen sich auch einen Engel stechen, der Wasser aus einer Amphore in die andere gießt, weil Die Mäßigkeit die vierzehnte Karte im Tarot ist. N bedeutet Norden. Es scheint auch eine Familie des Südens zu geben, die sich die 19 tätowieren lässt oder XIX, die Sonne, aber die vom Süden sind hier nie angekommen. Und das ist ein Problem, weil die N ständig töten und getötet werden müssen. Vor allem getötet werden. Eine Totenwache mit den Müttern und Freunden, die weinend und singend um den Sarg stehen. Alle, die Lebenden und die Toten, tragen irgendwas Blaues, die Farbe der N. Die aus dem Süden tragen Rot, aber wir haben sie noch nie gesehen. Sie sind der Norden und der Süden ihres Landes. Dort drüben in ihrer Heimat werden sogar Maschinengewehre ins Gefängnis geschmuggelt, sie kriegen rein und raus, wen und was sie wollen, nur die N und die S gehen nie nach draußen, weil sie keinen Grund dafür haben. Sie sind drinnen geboren, sie leben für das Gefängnis. Draußen laufen die kleinen Fische herum, warten darauf, Karriere zu machen und wieder reinzukommen, in ein wichtigeres Gefängnis. Das ist wie ein Haus, wo im Wohnzimmer, auf der Terrasse, am Pool nur Diener und Statisten rumlaufen, während die wahren Herren sich im Keller oder auf dem Klo eingeschlossen haben. Im Land der N bezahlt der, der draußen ist, dafür, dass er den Namen von einem benutzen darf, der drinnen sitzt. Die Leute haben mehr Angst vor einem Namen, der für immer weggeschlossen ist, als vor einem bewaffneten Mann auf der Straße. Denn vor dem, der draußen kommandiert, kannst du weglaufen. Die Stadt wechseln. Doch früher oder später wirst du im Gefängnis landen, und dann bist du dem ausgeliefert, der drinnen ist. Darum nehmen die Städte Befehle aus dem Gefängnis entgegen. Das Geld fließt in Strömen, gepumpt von einem Herzen, das im Gefängnis schlägt. Wie hier bei uns, vor zwanzig Jahren. Und wer zuhört, was im Gefängnis geredet wird, weiß mehr von der Welt als einer, der im Parlament sitzt.

Toro musste ein paar Junkies auf seinem Stock akzeptieren, sonst wäre er halbleer geblieben. Wenn er zur Freistunde runtergeht, zwingt er sie, auch runterzugehen, denn er traut ihnen nicht, will sie oben nicht allein lassen. Zu Hause. Aber sie müssen an die Mauer gelehnt sitzen, neben dem Pisswinkel. Und wenn die Sonne scheint, aber es ist noch kalt, lässt er sie an dem Stück Mauer sitzen, das im Schatten liegt. Wenn es sehr heiß ist, müssen sie in der Sonne sitzen. Immer mehr Leute sitzen an der Mauer, und immer weniger gehen mit Toro. Und denen an der Mauer ist auch in der prallen Sonne kalt. Sie haben ihre Winterjacken verkauft, sie haben alles verkauft, was sie hatten. Sie würden gern in der Zelle sein, auf ihren Betten ausgestreckt fernsehen, auf den Wagen mit den Medikamenten warten, ungestört unter der Bettdecke zittern.
In einem gesunden Gefängnis werden die Drogen von den Wärtern gebracht. Sie haben ihren natürlichen Kreislauf: von den Wärtern zu den Gefangenen und von den Gefangenen zurück zu den Wärtern, venös und arteriell, Schmuggel und Geld. Hier dagegen muss sich irgendwo ein Pfropf gebildet haben, seit ein paar Monaten. Ein Gefängnis aber braucht Drogen, um zu funktionieren, um sich nicht zu überhitzen.

Es wird schon hell.
Wir kommen in eine Jahreszeit, wo dich bei Tagesanbruch die Vögel wecken müssten und das Wasser, das in den Eimer der Hausarbeiter fließt. Aber hier übertönen die Möwen alles, und sie machen immer dieselben Geräusche: am Tag, in der Nacht, im Sommer, im Herbst. Sie schreien, weil sie sich erschreckt haben oder denken, dass sie was zu Fressen gefunden haben, oder weil eine andere Möwe ihnen das Weibchen wegschnappen will. Der Sonnenaufgang ist ihnen scheißegal. Andere Vögel, die kleinen, die singen und Brotkrümel fressen, haben Angst vor den Möwen. Einmal habe ich gesehen, wie eine Möwe mit ihrem Schnabel einem kleinen Vogel den Kopf zerhackte. Dann hat sie ihn liegen lassen, ohne ihn zu fressen.
Krümel für die Vögel, dieses trockene, leichte Brot, durch das man hindurchsehen kann, haben wir hier nicht. Hier ist alles fettig, kommt in zugeschweißten Dosen an, wird hinter verschweißten Türen gegessen. Vor allem Thunfisch. Ich esse seit so langer Zeit Thunfisch, dass ich schon tot sein müsste. Im Sommer in den geraden Wochen jeden Dienstag Thunfisch zum Mittag- und zum Abendessen. Und freitags zum Abendessen. In den ungeraden Wochen nur freitags zum Abendessen. Im Winter nur dienstags zum Mittagessen, in den geraden Wochen.
Auch auf der Insel habe ich Thunfisch gegessen. In zwanzig Jahren habe ich ein Meer aus Thunfischdosen gegessen, ohne je eine gesehen zu haben, denn mit den Dosen kann man schneiden.
Kein frisches Obst, damit niemand es verstecken und gären lassen kann. Aber alles kann gären: sogar Reis, Kartoffeln. Und die Gefangenen berauschen sich trotzdem.
Mein Magen müsste voller Löcher sein. Jeder, der zwanzig Jahre lang Sachen isst, die weniger kosten als Hundefutter, müsste vor Ekel und Schmerz brüllen. Auf der Insel hat Comandante sich damit vor Journalisten gebrüstet: Für das Essen der Häftlinge gebe ich weniger aus als für das Hundefutter.
Trotzdem brennt mein Magen jetzt nicht mehr so oft wie vor zwanzig Jahren. Wer viele Jahre im Gefängnis verbringt, bleibt manchmal auf seltsame Weise jung. Regelmäßiges Essen, regelmäßiger Schlaf, keinerlei Verantwortung … Du isst Scheiße, aber regelmäßig.
Comandante ließ sich mit seinen zwei Hunden fotografieren. Diese Hunde arbeiten für den Strafvollzug, sagte er, und sie haben niemals ein Verbrechen begangen. Es versteht sich von selbst, dass sie besser behandelt werden.
Denen, die das in den Zeitungen lasen, war es recht so. Ja, sie hätten uns den Hunden zu Fraß vorgeworfen, um noch mehr zu sparen.
Comandante sagte zu den Journalisten: Ich bin wie diese Hunde. In der Welt gibt es Schafe, Hunde und Wölfe. Schafe sind unfähig zur Gewalt. Er sagte: Wir, die im Gefängnis arbeiten, ähneln eher den Wölfen als den Schafen. Wir sind zwar unbezähmbar, doch im Unterschied zu den Wölfen haben wir uns für das Gute entschieden.
Und die Journalisten nickten.
Als junger Mann war Comandante brillant. Er war damals schon ein Kommandant. Er war wirklich überzeugt, dass er zum Kommandieren geboren war. Er wirkte wie eine zusammengedrückte Feder, in Richtung auf eine Zukunft gespannt, in der er noch mehr kommandieren würde.
Comandante diktierte den Journalisten: Hier sitzen die Bösesten der Bösen.
Sie glaubten ihm. Sogar wir glaubten ihm. Es machte uns stolz. Wir sahen uns an, übel zugerichtet, wie wir waren. Die Bösesten der Bösen konnten nicht mehr als zwanzig, vielleicht dreißig sein … wir waren vierhundert. Doch nach einer Weile glaubte jeder von uns, ohne Ausnahme, dass wir die Bösesten der Bösen seien. Die Elite, die Akademie des Verbrechens. Die Insel war der wichtigste Ort, wo man landen konnte: ein Alptraum unter Scheinwerfern. Es ist leicht, eine Insel in das Gefängnis der Gefängnisse zu verwandeln. Eine Gefängnisinsel macht sofort Eindruck. Die Leute fühlen sich sicherer, wenn die Bösesten mitten aufs Meer verfrachtet werden. Da zählt nicht, ob man in der Luft fliegen, auf dem Wasser fahren kann und die Insel weniger als zehn Meilen von der Küste entfernt liegt. Die Leute sitzen zu Hause und stellen sich vor, wie tief das Meer ist, und dass die Bösesten dort draußen sind und nie mehr zurückkommen werden. Sie sehen das Foto von den Klippen und dem kahlen Berg, kein einziger Baum, der Gipfel nebelverhangen. Es gab sogar Olivenbäume am Osthang, und sie wuchsen fast bis ans Meer hinunter. Aber niemand durfte die Insel fotografieren. Und auf den Fotos, die Comandante aussuchte, waren die Olivenbäume nie zu sehen.

Mit dem Essen machten sie uns auf der Insel reichlich Druck.
Jedes Mal, wenn ein neuer Schub Gefangener vom Festland ankam, nahmen sie ihnen als erstes das Gebiss weg. Dann gaben sie ihnen wenig, sie bekamen kaum Wasser und Schweinefraß. Innerhalb einer Woche wurde aus den Anführern, die fast alle nicht mehr jung waren, ein Haufen alter Männer. Das konnte man den anderen, den jungen Männern, Toro, von den Augen ablesen: Noch am Vortag hatten sie aus Angst gehorcht, und jetzt waren sie schlagartig nur noch peinlich berührt. Die Angst hatte sich von den Anführern auf die Insel selbst verlagert: Was ist das, diese Insel, die die Männer in nur einer Woche so zurichten kann? Es hatte genügt, sie nicht mehr zu gießen, schon fielen alle Blätter ab. Die Jungen fragten sich: Können wir zahnlosen Männern noch gehorchen? Und die Anführer magerten ab. Wenn man gezwungen ist, sich das Essen zu Brei zerquetschen zu lassen, vergeht einem der Appetit noch mehr als bei Schweinefraß. Und auch wenn sie dir das Gebiss später wiedergeben, ist es nicht mehr das Gleiche, denn du weißt, dass sie es dir unter jedem beliebigen Vorwand jeden Augenblick wieder wegnehmen und zertrümmern können.
Mir haben sie alle Zähne ausgeschlagen, doch um ein Gebiss habe ich nicht gebeten, es gibt nichts, was ich nicht essen kann. Das Zahnfleisch reicht völlig aus. Man braucht nur Zeit. Die Zeit härtet alles.
Gebisse sind eine Waffe in den Händen der Gefängnisverwaltung. Ohne ist man unabhängiger. Sicher, mit Zähnen klingt die Stimme besser, sie gibt dir das Gefühl, klar zu denken. Innerlich höre ich meine Stimme immer noch wie mit Zähnen. Doch von außen klingt sie nicht so, das weiß ich. Wie wenn man seine Stimme auf einem Tonband hört und nicht als die eigene wiedererkennt.