Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Judith Sombray
Ursula Schötzig
Andrea Salt

Volker Oldenburg

aus: "Die Knochenuhren" von David Mitchell, Rowohlt 2016

übersetzt aus dem Englischen

Der österreichisch-äthiopische DJ mit der Kapuze steht stumm an den Reglern, nimmt keine Musikwünsche entgegen und haut seit einer Stunde Remixe von „3 A.M. Eternal“ von KLF, „Your Only Friend“ von Phuture und „Ping Pong Apocalypse“ von den Norfolklorists raus. Club Walpurgis befindet sich im Untergeschoss des betagten Hôtel Le Sud, ein sechsstöckiger, labyrinthischer Kasten mit hundert Zimmern, in dem bis in die 1950er ein Lungensanatorium für Reiche untergebracht war. Seit der letzten Renovierung hat der Laden einen schmucklosen Bowie-in-Berlin-Look mit unverputzten Wänden und tennisplatzgroßer Tanzfläche. U-Boot-Scheinwerfer blitzen, die zwei- bis dreihundert tanzenden Skelette in junger Haut und Designerklamotten sind erfreulicherweise überwiegend weiblich. Wir sind zu viert hier: Ein, zwei Nasen kolumbianisches Marschierpulver haben gereicht, um Mighty Quinn nach seinem seelischen Zusammenbruch wieder aufzurichten. Ungewöhnlicherweise bin ich als Einziger nicht damit beschäftigt, Frauen aufzureißen: Meine drei Humberaner sitzen auf einem u-förmigen Sofa, jeder mit einer jungen, attraktiven Schwarzen im Arm. Chetwynd-Pitt spielt sicher den Platz-neunzehn-in-der-Thronfolge-Trumpf aus, Fitzsimmons protzt mit Franc-Scheinen, und Quinn ist für seine Mieze vermutlich einfach ein putziges Spielzeug. Ich wünsche ihnen Glück. An jedem anderen Abend würde ich ebenfalls auf Beutefang gehen, und es lässt sich nicht leugnen, ich, das Gesamtpaket aus Skifahrerbräune, Rupert-Everett-Sex-Appeal und Sportlerfigur im anthrazitfarbenen Harry-Enna-Hemd und Makoto-Grelsch-Jeans, ernte reichlich verführerische Frauenblicke, aber heute Nacht gerate ich lieber auf der Tanzfläche in Ekstase. Ob ich einen Deal à la die Versuchung Jesu einfädeln kann, der mir als Gegenleistung für sexuelle Enthaltsamkeit im Club Walpurgis einen Kredit bei der Karma-Bank gewährt – tilgbar durch ein gewisses Mädchen aus Gravesend? Die Antwort weiß nur Dr. Koks, und nach einem erzengelgleichen DJ-Mix von „Walking On Thin Ice“ von Keine-Ahnung-Wem begebe ich mich ins Sprechzimmer des weisen Medizinmanns …

Die Kabinen auf der Herrentoilette sind paradiesisch verglichen mit dem Scheißhaus im Le Croc und offenbar ganz bewusst für den nasalen Konsum ausgelegt: geräumig, immer sauber und ohne den verräterischen Spalt zwischen Tür und Decke, der einem in den meisten britischen Clubs ins Handwerk pfuscht. Ich pflanze mich auf den Thron, zücke den Taschenspiegel – eine Leihgabe von einer elfenhaften Filipina, die auf ein Ehegattenvisum spekulierte – und krame das Foo Foo Dust hervor, das ich Chetwynd-Pitt vorhin beim Blackjack abgeluchst und in einer Tüte Fisherman’s versteckt habe, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es Spürhunde zu verwirren gilt … Mein Röhrchen ist eine Bastelarbeit aus Pappe und Tesa. Mit bewundernswerter Präzision lege ich aus dem letzten Pulver eine schneckenförmige Line – liebe Kinder, bitte nicht zu Hause nachmachen, lasst die Finger davon, DROGEN SIND BÖSE – und ziehe es mit einem langen, kräftigen Zug ins linke Nasenloch. Fünf Sekunden lang sticht es in meinem Hals, als hätte ich eine Brennnessel geschnupft, aber dann …
Wir haben abgehoben.
Die Bässe vibrieren in meinen Knochen und Meingottistdasgeil! Ich spüle das Pappröhrchen in der Schüssel runter, befeuchte ein Stück Klopapier und wische den Spiegel sauber. Winzige, kaum sichtbare Lichtpunkte perforieren die Ränder meines Blickfelds. Ich trete aus der Kabine wie Jesus, der den Stein wegrollt, und begutachte mich im Spiegel – alles bestens, auch wenn meine Pupillen eher nach Varanus komodoensis als nach Homo sapiens aussehen. Draußen vor dem Klo treffe ich auf einen bekifften Typen in Armani, auch bekannt als Dominic Fitzsimmons. Er hat vorhin einen Joint geraucht. Sein gewohnter Scharfsinn hat sich im Bungeesprung von der Brücke gestürzt und ist noch nicht wieder aufgetaucht. „Hugo, was macht ein mieser Typ wie du an diesem schönen Ort?“
„Nase pudern, mein lieber Fitz.“
Er späht in mein Nasenloch. „Sieht aus, als hätte ein Schneesturm drin gewütet.“ Er grinst selig, und ich muss an seine Mutter denken, als sie dasselbe Lächeln trug und sonst nichts.

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