Literaturpreise-Hamburg.de

Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Marie-Alice Schultz
Leona Stahlmann
Marie-Alice Schultz

Leona Stahlmann

aus: "Vetko" | 'Roman

 

Bundesstraße, Landstraße, Ortsschild, Tankstelle. Links der Straße Wald, rechts Wiesen, abgezirkelt mit Pflock und Draht. Die Weiden vom Kamp, die Weiden vom Denner. Auf der vom Achner stehen die schottischen Hochlandrinder vom Lohwieser. Teuer waren sie, und Gewinn werfen sie keinen ab, aber der Lohwieser hat was Besonderes gewollt, zum Trost, nach dem Tod vom Lohwieser junior. Im Dachsbau hat er gesoffen, Kneipe für jung und alt, und ist auf der Heimfahrt ein Holzkreuzchen geworden in der Lörracher Höllenkurve. Das Kreuzchen hat der alte Lohwieser dann selbst gemacht, auf dem Schneidesel vom Opa Lohwieser, der darauf die Schindeln für’s Häusle geschnitten hat, 120 an der Zahl jeden Tag, keine mehr und keine weniger.
Die Lohwieser, die Frau vom Lohwieser senior, hat den Lohwieser dann verlassen. Als das Kreuzchen in der Erde gestanden ist, hat die ein Kreuzchen oder ein Häkchen auf ihrer Lebensliste gemacht: Das war das, und ist gegangen. Zum Taubner, Oberkreisleiter der freiwilligen Feuerwehr, ist sie gezogen, zwei Wochen nach dem Tod vom Junior. Da hat der alte Lohwieser das Saufen angefangen, im Dachsbau und zu Hause. Und jetzt stehen sieben schottische Hochlandrinder im Schwarzwald und wundern sich.
Nach den Lohwieser-Rindern das erste Haus vom Neubaugebiet. Scheite in ordentlicher Halbmondform, zu Haufen geschichtet. Daneben das Auto, Viertürer, Kombi, Aufkleber am Heck: wer hier mitfährt oder an was man glaubt oder was man nicht mag. An den Nationalpark glaubt hier niemand so recht. Wovon leben, wenn im Wald kein Holz mehr zu machen ist? Sollen die Sägewerke im Tal leerdrehen? Die paar Saudis im Sommer, die Holländer im Winter reichen doch lang nicht für alle. Und knochengeizig sind die Saudis, feilschen um die Bettpreise und die Bollenhutkühlschrankmagneten im Souvenirlädle hinter Matzes Bikertreff und schreien, wenn im Goldenen Rad Schweinefleisch auf dem Teller liegt, dabei steht doch jetzt überall pork auf den Karten, wo Schwein drin ist und Käsespätzle gibt’s doch auch und Maultaschen und Pfifferlinge, wenn der Brunner in den Pilzen war nach dem Juliregen oder der Edeka Angebot hat.
Neben dem Auto das Haus, Blumentröge aus dunkel gestrichenem Holz an den Fenstern, manche vom alten Lohwieser aus einer kränklichen Fichte gestemmt, die der Förster ihm für einen Kasten Helles überlässt, und manche vom Baumarkt. Dach mit niedriger Tenne wie bei den alten Häusern im Dorfkern, dabei wird kein Stroh mehr in Winter drunter gelagert, aber hübsch ist es und man macht’s eben so. Solarzellen auf dem Dach, reichen für’s Warmwasser, bezuschusst vom Land, warum auch nicht, Sparen hat noch keinem geschadet. Ein Vorgartenquadrat, ein Garagenquadrat, ein Geräteschuppenquadrat und wieder ein Holzstoß, Scheite halbmondförmig zugespalten, abgedeckt mit Plane diesmal. Ein Auto. Das Haus. Verschiedene kleinere Quadrate mit Funktion, grün und braun und grau. Der Taubner hat die exakte Kopie seines Hauses als Vogelhäuschen im Vorgarten stehen, ein prächtiges Teil aus Massivholz, mit echten Fensterscheiben. Hat er in Taiwan bestellt, im Internet. Fotos hingeschickt vom Häusle. Nur ein paar Wochen hat es gedauert, dann kam es mit der Post in einem Riesenpaket. Sitzt nie ein Vogel drin. Der Taubner findet, das Futter macht nur unnötigen Dreck. Hinter den Häusern der Bach, dann Wald, der ansteigt, Bergketten ringsum überzieht. Das Dorf ist der Boden des Talkessels. Der Kessel ist dickwandig. Störgeräusche von jenseits des Waldes hört man hier nicht. Nur das, was im Dorf geschieht, wird vielfach gegen die Wände geworfen, ein sich verstärkendes Echo aus Tratsch, mitunter Steinschlag.
Vetko erschießt ihn dann selbst. Oder: verschießt, wie der Lohwieser senior sagt, der Vetko seine Jadgbüchse leiht. „Wenns’de ihn verschieße tust“, sagt Lohwieser, „mach’s ned in Taubners Revier, der kriegt’s spitz, der redet, die Leut‘ reden. Du weißt ja.“ Vetko nickt und schweigt und dreht mit beiden Händen sein grünes T-Shirt, rollt den Rand auf wie Zigarettenpapier, blickt zu mir, an sich herunter. Lohwieser hält ihm das Gewehr hin, die Haenel, die er dem Taubner aus dem Hochsitz geklaut hat, Vetko nestelt am grünen Stoff und schaut nicht auf und nimmt das Gewehr nicht. Lohwieser zieht den Hebel zurück; das Patronenlager öffnet sich. „Ein Schuss nur“, sagt Lohwieser, „Einzelladerbüchse.“ Vetko presst Daumen und Zeigefinger eng um die grüne Stoffrolle. Kaum merklich krümmt der Zeigefinger sich, kurz und wie ein Muskelzucken, ahmt nach, was Lohwieser am Abzug vorführt.
Vor mir läuft der Hund und vor dem Hund Vetko. Ich trage die Haenel, Vetko den Spaten. Er geht rasch und federnd, der Mund entspannt, durch das Gras am Weiher schwirren niedrig weiße Falter und streifen meine Fußgelenke. Ich kann ewig so laufen in unserer Reihe, schweigend durch den Wald, aus dem die Tagesfarben auswaschen, in dem die Tagesstille mit dem Nachtlärm wechselt: das zudringliche Rauschen der Grillen, das sich in der Dämmerung aufbläht und ein Zelt über die Bäume spannt. Der Hund bleibt dicht an Vetko, folgt seinem Tritt. Vetko sieht vor sich in die Tannenschonung, die dichter wird. Der Hund schließt auf und reibt den Kopf im Gehen an Vetkos Knie. Vetko bleibt abrupt stehen. Die Wege haben aufgehört und die Schilder: Hufe für Reitpfade, gelbe Rauten für Wanderrouten, Forstwirtschaftlicher Verkehr frei. Wir sind jenseits von Taubners Jagdrevier.
Vetko bindet die Leine seines Hundes um den Stamm einer Fichte. Vor der Gruppe Fingerhutpflanzen, aufrechte schlanke Säulen, jede blühende Glocke voll mit Gift und greller roter Farbe im Licht der tiefhängenden Sonne hinter dem Wald, wirkt er wie ein Wolf aus einem Schattenspiel, überdeutlich schwarz und unwirklich konturiert. Vetko nimmt mich bei der Hand und zieht mich fort – zwei Meter, zehn, zwanzig. Der Hund jault leise hinter uns. Da dreht Vetko sich um, nimmt mir in der Drehung die Haenel aus dem Arm, blickt starr und gerade durch das Zielfernrohr. Was er sonst nicht wusste, hat Vetko wie immer in den Münzschlitz der Suchmaschine gefüttert und wacklige Videos bekommen, die Schussdistanz erläutern und dass man in den Kopf des Tieres schießt oder bei Wild den Blattschuss macht durch das Schulterblatt, aber der Hund ist ja kein Hirsch und kein Reh, sondern ein Hund.
Sein Zeigefinger krümmt sich, ein Muskelzucken, wie Lohwieser es ihm gezeigt hat. Aber die Kugel fliegt nicht gerade, sie beschreibt einen Bogen und prallt an der Fichte ab und springt in die Böschung, und Vetko, kaltes Wasser auf der Stirn und im Nacken, senkt das Gewehr, seine Hände fliegen in einer Hast zum Hebel seitlich des Zielfernrohrs, Einzelladerbüchse, die letzte von Lohwiesers Patronen, Vetko schießt blindlings ein zweites Mal auf den kläffenden, vor Angst und Erregung an der Leine reißenden Hund , und er trifft, kaum zu fassen, den Hund auf die Stirn zwischen die Augen und die Kugel dringt ein in das Hundehirn und schlägt vielleicht durch das, was sich mit feingliedrigen Ärmchen und Beinchen und Fühlern durch den Schädel des Hundes gefädelt hat und ungeheuer schnell gewachsen ist, schnell wie eine Sagengestalt und ebenso vielköpfig, und den Hund schwach macht und hinfällig und blind.
Die Kugel tritt am Hinterkopf aus und ich würde gern sagen: der Schuss zerreißt die Stille, aber er reißt nichts, nur den Hundekopf entzwei, und der Wald legt eine große, kühle Hand auf Vetkos Mund und lässt ihn nicht schreien, und der Wald schluckt überhaupt Hall und Nachklang und Bedeutung dieses Schusses und lässt Kugel und Hirn weich fallen. Vetko gräbt, der Hund ist schwer, das Blut lockt die Bremsen an; gedrungene, dunkle Körper und dicke Saugrüssel, eine Hand langt nicht zum Verscheuchen und wir brauchen all unsere Hände, um die Erde auf das Loch zu schaufeln, das dann doch sehr groß geworden ist, Vetko mit dem Spaten und ich mit den Fingern. Vetko klopft schweigend die Erde fest, zieht die Leine vom Stamm; er sieht zufrieden aus. Den Tierarzt und seine Spritze hat er nicht gebraucht; hat nichts gebraucht vom Dorf und den Älteren außer Lohmeiers gestohlener Büchse.
Es sind die Wochen des Hochsommers, in denen sich die Schädel vom Lohwieser, vom Taubner, vom Achner noch deutlicher als sonst durch die gespannte Haut der Schläfen drücken. Wir fahren mit den Fahrrädern in die Felder. Wir liegen in Raps und in Weizen stundenlang, Wärme im Scheitel, schläfrig und satt. Eine Florfliege frisst eine Blattlaus, und dann noch eine. Die saftroten Klatschmohngewänder gehen pudrig und flattrig auf, der Schock der kräftigen Farbe fast zu schwer für die Blätter, und kleben an unseren Fingern wie feucht. Beinahe jeden Nachmittag entlädt sich die überschwere Hitze in einem Gewitter über unseren Köpfen. Das Licht in der Stille danach birst in den sich verziehenden Wolken und steht, gespalten durch ein unsichtbares Sieb, in hellen, sirrenden Flecken über Wiese und Feld. Was für sich ist – nachbackende Tagschwüle, Stiche von hartem Hafer im Rücken, Vetkos hellbraune Julipunkte auf seinen Wangenknochen, der sich in der aufziehenden Dämmerung unmerklich von Grün ins Schwarz umfärbende Wald, der Tümpel, der mit jedem Sommertag mehr und mehr verdampft wie alles, das steht : all das scheint zu zerfasern an seiner Begrenzung, all das schiebt sich übereinander, ineinander in diesen Tagen. Durch die Nächte zischt das Mohnrot an den Rändern der Felder wie Streifschüsse. Bei Sonnenuntergang stehen wir am Rand der Schwarzwaldhochstraße. Obwohl der Blick über den Wald hinaus weit ist, wenn man nur hoch genug steht, und das Baumdunkel vor dem Horizont auseinandergrätscht und in einer Senke Platz lässt für die Lichter von Frankreich in einer Ferne und doch wie pflückbar mit den Händen vor uns, kann ich keine offenen Flächen sehen. Keine Weite. Der Wald faltet sich um uns herum und klappt zu und mein Kopf steckt zwischen den eng stehenden Speerspitzen der Fichten, aufgerichtet, eingezwängt, in Reih und Glied zwischen hunderten Stämmen. Ich sehe mich stehen, in die Erde gedrückt wie die handtellergroßen Tannen aus Pfeifenreiniger, die mein Onkel in den festen Schaumstoff seiner Modelllandschaft für Miniatureisenbahnen steckt.
Es ist nur eine und eine halbe Stunde Autofahrt bis über die deutsche Grenze, aber für Vetko mag Frankreich auch weiterhin nur aus Lichtern bestehen und hellen Bändern, auf denen wie Leuchtkugeln Autos rollen ohne Schatten, ohne ein Geräusch. „Willst du nicht wenigstens“, frage ich, „nicht wenigstens irgendwann wissen, wie woanders die Bäume aussehen; die Sequoias in Kalifornien meinetwegen, die Joshua-Bäume, Banyan-Bäume, Affenbrotbäume, Mammutbäume.“
„Heimat“, sagt Vetko undurchdringlich, wie er alles sagt und damit alles zur Verkündung erstarren lässt, „Heimat ist: nicht reisen müssen“. Und ich denke: Heimat. Ein Wort aus dunkelgrünem Filz geschnitten, und es schultert ein Jagdgewehr zwischen den Buckeln seines M, und meine Großmutter drapiert es auf der Lehne ihres Kordsofas im Wohnzimmer und dort setzt es Staub an, den sie jede Woche geduldig herunterwischt mit ihrem Wedel aus Straußenfedern an Sonntagnachmittagen, und manchmal hängt es im Schlafzimmer über dem Kopfende des Bettes neben dem Kreuz, und es steckt in Heimatkunde und Heimatmuseum und ich sehe es in Frakturschrift in gebeizte Holzschilder geschnitzt mit einem Pfeil, von dem ich nicht weiß, in welche Richtung er zeigt.

Es gibt die Ordnung des Dorfes und es gibt Vetkos Ordnung. „Halt still“, sagt Vetko. Die Bremse glänzt fettig auf meinem Arm. Sie kriecht, der Wärme meines Pulses nach, über die Haut; erreicht den Aderbaum meines Handgelenks. Vetko lächelt. Der feiste, dunkelgraue Stab vibriert vor Gier. Vetko nimmt meine freie Hand in seine, im Nadelstich seiner Pupille glänzt Neugier und etwas anderes, das ich nicht benennen kann; es lässt mich an den Hunger der Bremse denken. Ich schlinge meine Finger um seine, als die Bremse sticht; beiße in das Gras vor mir, gegen den Schmerz an; zerreibe den Grit aus Sand und Erde, Halmen und Wurzeln zwischen den Zähnen.
Vetko beugt sich vor und küsst mich auf den Mund, trocken und warm, und seine Zunge mischt sich mit dem Bitter der Gräser und für einen Moment wird der Talkessel weit und die gespannten Schädeldecken fern und der Stich der Bremse pulst in einem Takt, den Vetko vorgibt. Er folgt der salzigen Straße von Bauchnabel zu Schambein, mit Finger und Mund, Braue und Wange, zurückhaltend erst, dann zielbewusst. Meine Atemwende, als ich komme: Warten ohne Luft, mit schmerzenden Lungenflügeln unterhalb einer Wasseroberfläche in der Schwebe bleiben, zwischen davor und danach, bis er mich, mit einem einzigen Zug, den glatten Spiegel durchstoßen lässt, unter dem er mich hält. Ich sauge Luft ein, bis meine Fingerspitzen und Zehen zu sirren anfangen.

(…)