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Gabriele Haefs
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Dr. Gabriele Haefs

aus: "Cré na Cille / Grabgeflüster" von Máirtín Ó Cadhain

übersetzt aus dem Irischen

 

1

Ich bin jetzt gar nicht im Pfundteil sondern im Fünfzehn Schilling-Teil! Der Teufel ist in sie gefahren und sie haben mich in den Halbe-Guinea-Teil abgeschoben, obwohl ich ihnen so oft gesagt hatte, dass ich das nicht will. Am Morgen meines Todestages habe ich Pádraig aus der Küche hochgerufen: „Ich flehe dich an, Pádraig, mein Kind“, habe ich gesagt, „begrab mich im Pfund-Teil. Einige von uns sind zwar im Halbe-Guinea-Teil begraben, aber dennoch …“ Ich habe ihnen gesagt, sie sollten bei Tadhg den besten Sarg holen. Es ist immerhin ein guter Eichensarg … ich habe das Skapulier umgelegt. Und das Leichentuch habe ich auch. Ich hatte es selbst bereitgelegt … Auf dem Tuch ist ein Fleck. Ein Fleck wie ein Rußstreifen. Nein, kein Fleck. Fingerabdruck. Bestimmt die Frau meines Sohnes. Sieht ihr ähnlich, diese Schlamperei. Wenn Neil das sähe! Bestimmt war sie dabei. Das wäre sie nicht gewesen, bei Gott, wenn ich etwas hätte ändern können … Cáit Bheag hat beim Zuschneiden ganz schon gepfuscht. Ich habe immer gesagt, dass sie und Bid Shorcha nicht einen Tropfen zu trinken bekommen dürfen, bis der Leichnam aus dem Haus geschafft ist. Ich habe Pádraig eingeschärft, dass er sie nicht das Leichentuch zuschneiden lassen dürfte, wenn sie etwas getrunken hätten. Aber die Cáit Bheag ist von den Leichen nicht wegzuhalten. Ihre größte Freude im Leben war es, jeden Tag irgendwo in den beiden Dörfern eine Leiche zu haben. Die Ernte konnte am Halm verrotten, wenn sie eines Leichnams habhaft werden konnte …
Das Kreuz liegt auf meiner Brust, das, was ich bei der Inneren Mission bekommen habe … Aber wo ist das schwarze Kreuz, das Tomáisíns Frau für mich das letzte Mal in Knock segnen ließ, als Tomás festgebunden werden musste? Ich habe ihnen gesagt, sie sollten mir auch dieses Kreuz mitgeben. Es sieht viel besser aus als das hier. Der Erlöser an diesem hier ist verbogen, seit es Pádraigs Kindern hingefallen ist. Der Erlöser an dem schwarzen Kreuz ist hinreißend. Aber was ist los mit mir? Ich bin wohl so vergesslich wie eh und je. Da liegt es doch unter meinem Kopf. Wie schade, dass sie mir das nicht auf die Brust gelegt haben …
Sie hätten mir den Rosenkranz fester um die Finger wickeln müssen. Bestimmt hat Neil das gemacht. Es hätte ihr nur zu gut gefallen, wenn der Rosenkranz auf den Boden gefallen wäre, als ich in den Sarg gelegt wurde. Gott, Gott, die soll mir ja nicht in die Quere kommen. Ich hoffe, sie haben in der Kirche an meinem Kopfende die acht Kerzen angezündet. Ich hatte sie schon bereitgelegt, in der Kommode, am Rand, unter den Pachtpapieren. Das hatte noch kein Leichnam in dieser Kapelle: acht Kerzen. Curraoin hatte nur vier. Liam Thomáis der Schneider hatte sechs, aber seine Tochter ist ja auch Ordensschwester in Amerika.
Ich hatte mir drei halbe Fässer Porter für die Totenwache bestellt, und Éamonn vom oberen Feld hat mir versprochen, wenn es draußen irgendwo Poitín gäbe, würde er ihn persönlich bringen, ohne sich lange bitten zu lassen. Das würde auch alles benötigt werden, bei so viel Geld in der Kollekte für die Kapelle. Mindestens vierzehn oder fünfzehn Pfund. Ich habe selbst oft jemanden oder einen Schilling zu Beerdigungen geschickt, wo ich überhaupt keinen Besuch schuldig war, in den fünf oder sechs Jahren, in denen es mir immer schlechter ging. Ich vermute, alle aus den Bergen sind gekommen. Es wäre doch ein schwaches Bild, wenn sie nicht gekommen wären. Wir waren schließlich auch bei ihnen. Das macht schon fast ein Pfund. Und die Leute aus Doire Locha, mit der angeheirateten Verwandtschaft. Das macht dann fast noch ein Pfund. Ganz Gleann na Buaile war mir eine Beerdigung schuldig … Es würde mich nicht wundern, wenn der blonde Stiofán nicht gekommen ist. Wir waren bei allen seinen Beerdigungen. Aber er hat bestimmt gesagt, dass er erst davon gehört hat, als ich schon unter der Erde lag. Und was er dann für ein Gewese gemacht hat! „Ich schwöre dir, Páidraig Ó Loideáin, und wenn es mich das Leben gekostet hätte, ich wäre doch zur Beerdigung gekommen. Ich wäre es Caitríona Pháidín schuldig gewesen, zu ihrer Beerdigung zu kommen, und wenn ich auf Knien hätte rutschen müssen. Aber wie’s der Teufel so will, habe ich erst am Abend der Beerdigung davon gehört. Ein junger Mann …“ Was kann dieser Stiofán Bán aber auch reden …
Ich wüsste gern, ob ich laut und gut betrauert worden bin. Ungelogen, Bid Shorcha kann Totenklagen singen, dass kein Auge trocken bleibt, falls sie nicht zu betrunken war. Ich bin sicher, dass auch Neil losgelegt hat. Neil hat heftig gejammert, aber auf ihrer Wange war nicht eine einzige Träne zu sehen, diese Heuchlerin. Die hätte sich doch nicht mal in die Nähe des Hauses gewagt, so lange ich noch am Leben war …
Sie ist jetzt zufrieden. Ich dachte, ich würde noch ein paar Jahre leben und diese miese Kuh beerdigen können. Es geht ihr sehr viel schlechter, seit ihr Sohn den Unfall hatte. Und auch vorher schon war sie ganz schön oft beim Doktor. Dabei fehlt ihr gar nicht viel. Rheumatismus. Der wird sie noch lange nicht umbringen. Sie passt gut auf sich auf. Ich habe das nicht getan, und das merke ich jetzt. Ich habe mich mit harter Arbeit ins Grab gebrach … Wenn ich nur etwas gegen diese Schmerzen unternommen hätte, ehe sie chronisch wurden. Aber wenn erst die Nieren betroffen sind, ist Matthäi am letzten.
Ich war jedenfalls zwei Jahre älter als Neil … Baba, dann ich und dann Neil. Zu Michaeli war es ein Jahr, dass ich die Rente bekommen habe. Aber ich habe sie zu früh bekommen. Baba ist fast schon dreiundsiebzig. Sie wird bald sterben, egal, was sie versucht. In unserer Familie hat niemand lange gelebt. Wenn sie hört, dass ich gestorben bin, wird sie wissen, dass sie auch nicht mehr lange hat, und bestimmt wird sie dann ihr Testament machen … Sie wird einfach alles, was sie hat, Neil vermachen. Dieser Schmutzfink hat mich dann doch noch ausgetrickst. Sie hat Baba ganz schön ausgenommen. Aber wenn ich gelebt hätte, bis Baba ihr Testament gemacht hätte, dann hätte sie mir sicher die Hälfte ihres Geldes hinterlassen, egal, was Neil sagt. Auf Baba ist kein Verlass. Mir hat sie am häufigsten geschrieben in den drei Jahren, seit sie bei Brians Familie in Norwood ausgezogen und nach Boston gegangen ist. Es ist immerhin ein Trost, dass sie sich endlich von diesem Natterngezücht befreit hat …
Aber sie hat Pádraig nie verziehen, dass er dieses zänkische Weib aus Gort Ribeach geheiratet und nicht Meag Bhriain Mhóir. Sie wäre nicht einmal in die Nähe von Neils Haus gegangen, als die damals aus Amerika zurückgekommen ist, wenn Neils Sohn nicht Meag geheiratet hätte. Und warum auch! … Ein kleines Loch von Haus. Ein kleines Drecksloch! Und schon gar kein Haus für Besuch aus Amerika. Ich weiß überhaupt nicht, wie sie damit leben konnte, nach unserem Haus und diesen Villen in Amerika. Aber sie ist ja auch nicht lange dort geblieben, sondern bald zurückgefahren … Sie wird in ihrem Leben nicht noch einmal nach Irland kommen. Damit ist sie jetzt fertig. Aber wer weiß, vielleicht juckt es ihr ja doch wieder in den Zehen, wenn der Krieg erst vorüber ist, falls sie dann noch unter den Lebenden weilt. Neil könnte den Honig aus einem Bienenkorb locken, so schamlos und gerissen ist sie. Und was ist Baba für eine alte Hexe. Obwohl sie die Familie von Briain Mór in Norwood verlassen hat, hängt sie noch immer sehr an Briains Tochter Meag Was war mein Pádraig doch für ein kleiner Trottel, dass er nicht auf ihren Rat gehört und die Tochter dieses Zankteufels geheiratet hat. „Lass mich doch in Ruhe“, sagte der kleine Trottel. „Ich würde Briain Mors Meag nicht einmal heiraten, wenn sie die letzte Frau in Irland wäre.“ Baba ging sofort zu Neil hinüber, als ob ihr jemand ins Gesicht geschlagen hätte, und hat sich bei uns nie wieder sehen lassen, bis auf den einen kurzen Moment an dem Tag, an dem sie nach Amerika zurückfahren ist …

  • … Hitler liebe ich. Der ist Manns genug um …
  • Wenn England besiegt wird, wird es unserem Land übel ergehen. Wir haben schon den Markt verloren …
  • Ihr Brut des Einohrigen Schneiders, ihr habt mich fünfzig Jahre zu früh hierhergeschafft. Die Brut des Einohrigen war immer sofort mit einem miesen Schlag zur Hand. Messer, Steine, Flaschen. Wolltest nicht wie ein Mann kämpfen, sondern hast mich erstochen …
  • … Lasst mich reden! Lasst mich reden …
  • Beim Leiden Christi! - Lebe ich oder bin ich tot? Und die anderen hier, leben die oder sind sie tot? Die keifen genauso herum wie früher über der Erde. Ich dachte immer, wenn ich erst im Grab liege, befreit von Arbeit und häuslichen Sorgen und allen anderen Kümmernissen, werde ich endlich Ruhe finden … aber was sollen diese Streitereien in der Friedhofserde?


2

  • … wer bist du? Bist du schon lange hier? Kannst du mich hören? Sei doch nicht so schüchtern. Fühl dich ganz wie zu Hause. Ich bin Muraed Phroinseas.
  • Gott soll dich schützen! Muraed Phroinseas von nebenan! Ich bin Caitriona. Caitriona Pháidín. Erinnerst du dich an mich, Muraed, oder verliert man hier alle Erinnerungen an das Leben? Ich habe meine jedenfalls noch …
  • Die wirst du auch nicht verlieren. Das Leben hier ist dasselbe, Caitriona, wie im Ould Country, nur sehen wir eben nur das Grab, in dem wir liegen, und können unseren Sarg nicht verlassen. Du hörst die Lebenden auch nicht und weiß nicht, was bei denen passiert, nur das, was die Frischbeerdigten sagen können. Aber jetzt sind wir wieder Nachbarinnen, Caitriona. Bist du schon lange hier? Ich hab dich gar nicht kommen hören.
  • Ich weiß nicht, ob ich am Patrickstag gestorben bin oder am Tag danach, Muraed, ich war zu erschöpft. Ich weiß auch nicht, wie lange ich schon hier bin. Aber jedenfalls nicht sehr lange … Du bist auch schon eine ganze Weile hier, Muraed … Du hast recht. Zu Ostern vier Jahre. Ich wollte gerade für Pádraig in Garraí Domhann Dünger verteilen, und dann kam so ein Mädchen von Tomaisín mich holen. „Muraed Phroinsiais liegt im Sterben,“ sagte sie. Und dann, ob du es glaubst oder nicht, stand Cáit Bheag schon vor der Haustür, als ich gerade erst bei der Scheune angekommen war. Du warst gerade verschieden. Ich habe dir eigenhändig die Augen zugedrückt. Cáit Bheag und ich haben dich dann fertig gemacht. Und alle haben gesagt, dass du eine richtig schöne Leich warst. Niemand hatte einen Grund, sich zu beklagen. Bei dir lag jedes Haar so, wie es sich gehört. Du lagst so gerade da, als ob du auf die Bretter aufgebügelt worden wärst …

… Ich bin dann nicht lange geblieben, Muraed. Ich hatte schon seit langer Zeit Probleme mit den Nieren. Etwas war da verstopft. Vor fünf oder sechs Wochen hatte ich schreckliche Schmerzen, und dazu kam dann doch eine Erkältung. Die Schmerzen wanderten in meinen Bauch und von dort nach oben in meine Brust. Ich habe nur noch ungefähr eine Woche durchgehalten … Ich war noch gar nicht so alt, Muraed, nicht mehr als einundsiebzig. Aber mein Leben war nichts als Mühsal. So war das, bei allen Heiligen, und das sieht man mir auch an. Als es kam, kam es richtig. Ich konnte mich nicht mehr wehren …

Das kannst du wohl sagen, Muraed. Diese kleine Schlampe aus Gort Ribeach war da auch keine Hilfe. Was war nur in meinen Pádraig gefahren, dass er sie unbedingt heiraten wollte? … Gott segne dich, Muraed, du hast doch keine Ahnung, kein Wort darüber ist mir je über die Lippen gekommen. Drei lange Monate hat sie schon keinen Finger mehr gerührt. …Noch ein Kind. Sie war ja gerade erst wieder auf die Beine gekommen. Noch eins überlebt sie niemals, stelle ich mir vor … Sie hatten Kinder wie die Orgelpfeifen, aber nicht eins hatte einen Funken Verstand, außer Máirín, der Ältesten, und die musste ja jeden Tag in die Schule gehen. Ich habe ja so gut geholfen, wie ich konnte, habe sie gewaschen und vom Feuer weggehalten und ihnen etwas zu essen gegeben … Du hast recht, Muraed. Pádraig wird kein Haus mehr haben, jetzt, wo ich nicht mehr da bin. Diese Schlampe kann jedenfalls keinen Haushalt führen, eine Frau, die fast jeden Tag im Bett verbringt … Da sagst du was Wahres, Schwester! Wer uns leidtun muss, das sind Pádraig und die Kinder …

Das allerdings. Ich hatte alles bereitliegen, Muraed, Leichentuch, Skapulier und alles … Du kannst mir glauben, Muraed, in der Kapelle standen über mir acht Kerzen, so war das …Ich hatte den besten Sarg, den es bei Tadhg überhaupt gab. Keinen Penny weniger als fünfzehn Pfund, würde ich sagen … aber auf diesem sind nicht nur zwei Eisenplatten, Muraed, sondern drei … Und jede davon könnte man für den großen Spiegel aus dem Wohnzimmer des Pfarrers halten ---

Padraig hat mir versprochen, mir ein Kreuz aus Kalkstein von den Araninseln aufzustellen, so eins wie bei Peadar von der Kneipe, und eine Inschrift auf Irisch machen zu lassen, „Caitriona Bean Seán Uí Loideáin …. Ich wäre ja nicht im Traum auf die Idee gekommen, ihn darum zu bitten, Muraed … Und er wollte ein Gitter um mein Grab aufstellen, wie bei Siuán vom Laden, und er wollte Blumen über mir pflanzen – aber verdammt, ich weiß nicht mehr, wie die hießen -, so wie die Schulmeisterin sie an ihrem schwarzen Kleid hatte, nachdem der Schulmeister gestorben war. „Das ist das Mindeste, was wir dich tun können“, „nach allem, was du für uns durchgemacht hast“, sagte Pádraig …

Aber jetzt sag mal, Muraed, welcher Teil des Friedhofs ist das hier? … Meiner Seel, du hast recht, das ist der Fünfzehn-Schilling-Teil … Also, Muraed, wenn du ehrlich bist, weißt du, dass ich nie damit gerechnet hätte, im Pfundteil begraben zu werden. Wenn sie mich dort begraben hätten, hätte ich nichts daran ändern können, aber sie darum zu bitten …

Neil, ja?... Meiner Seel, es hat nicht viel gefehlt, dann hätte ich sie begraben. Wenn ich nur ein bisschen länger gelebt hätte, hätte ich das getan … Dass ihr Sohn Peadar den Unfall hatte, hat sie hart getroffen … Er wurde von einem Lastwagen angefahren, vor einem oder anderthalb Jahren, am Strand, und dabei wurde seine Hüfte zerschmettert. Im Krankenhaus wussten sie eine Woche lang nicht, ob sie ihn noch retten könnten …

Ach, das hast du schon gehört, Muraed … Meiner Seel, danach hat er sechs Monate flach im Bett verbracht … Und seit er wieder zu Hause ist, hat er keinen Finger gerührt, er humpelt nur auf zwei Krücken herum. Alle dachten, mit ihm wäre es aus …

Die Kinder sind ihm keine Hilfe, Muraed, abgesehen von dem ältesten Flegel, und der ist ein Schurke. … Warum auch nicht? Kommt auf seinen Großvater, seinen Namensvetter Briain, diese Elendsgestalt. Ganz zu schweigen von seiner lieben Oma Neil. Neils Familie hat in den letzten beiden Jahren keine Frühjahrsbestellung mehr gemacht, die diesen Namen verdient hätte … Der Unfall war ein harter Schlag für Meag Bhriain Mhóir und für Neil. Geschieht der miesen Kuh recht! Wir hatten in diesem Jahr dreimal so viele Kartoffeln wie die.

Ach, du Unschuldsengel, Muraed Phroinsiais, für ihn war die Straße ja wohl so lang und breit wie für alle anderen, da hätte er dem LKW ja wohl aus dem Weg gehen können … Neils Sohn hat den Prozess verloren, Muraed. "Ich gebe Ihnen nicht einen roten Heller", sagte der Richter … Er hat den Lastwagenfahrer dann ein weiteres Mal vor Gericht geschleppt, aber der Richter hat Neils Sohn nicht einmal den Mund aufmachen lassen. Er will bald vor dem obersten Gericht in Dublin klagen, aber das wird ihm auch nicht helfen. Gemeindevertreter Mainnín hat es mir selbst gesagt, dass Neils Familie keinen roten Heller bekommen wird. "Wieso denn?", fragte er. "Auf der falschen Straßenseite!" … Das kannst du mir glauben, Muraed. Das Gericht wird Neil noch den letzten Penny nehmen. Geschieht ihr recht! Jetzt wird sie nicht mehr so oft "Geheimnisvolle Eileanór" singen, wenn sie an unserem Haus vorbeikommt …

Dem armen Jeaic geht es gar nicht gut, Muraed. Natürlich hat Neil sich kein bisschen um ihn gekümmert, und Briains Tochter auch nicht, seit sie dort eingezogen ist … Schließlich ist Neil meine leibliche Schwester, Muraed, und da muss ich das ja wohl wissen. Sie hat sich um den armen Jeaic nie auch nur im Geringsten gekümmert. Der ging es nur um sich selbst. Sonst hat sie sich für keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessiert …Ich sag es dir, Muraed, und das kannst du mir glauben, bei der kleinen Schlampe hat Jeaic ein schlimmes Leben gehabt … Tomás im Haus, Muraed, der ist wie immer … der haust noch immer in seiner Bruchbude. Aber die kann jetzt jeden Moment über ihm zusammenbrechen … Und dabei hat mein Pádraig doch sogar angeboten, hinzugehen und das Strohdach neu zu decken. "Aber Pádraig, sag ich zu ihm, "du kannst doch nicht so tief sinken und bei Tomás im Haus als Dachdecker arbeiten. Soll Neil ihm doch das Dach decken, wenn sie Lust hat. Und wenn sie das tut, dann tun wir das auch …"

"Aber Neil muss doch alles ganz allein schaffen, seit Peadar sich das Bein verletzt hat", sagt Pádraig.

"Wir haben alle mehr als genug damit zu tun, unser eigenes Dach zu decken", sag ich, "die blöde Bruchbude von Tomás im Haus kann uns da wirklich egal sein."

"Aber dem wird das Haus über dem Kopf zusammenbrechen", sagt er.

"Von mir aus", sag ich. "Neil hat auch so schon genug zu tun, da braucht sie Tomás im Haus nicht auch noch das Strohdach in den Rachen zu stopfen. Hör jetzt auf, Pádraig, mein Guter!" sag ich. "Tomás im Haus ist wie die Ratten in einem sinkenden Schiff. Er wird schon zu uns kommen, wenn es ihm auf den Kopf regnet …"

Hast du Nóra Sheáinín gesagt? Und ob ich mich freue, ihr hier wiederzubegegnen? Der bin ich schon viel zu oft begegnet, und überhaupt allen aus ihrer Sippe. … Sie hört sich jeden Tag den Schulmeister an? Den großen Meister, den armen Mann … Der große Meister liest Nora Sheáinín vor … Meine Herren die Lerche! … Ein Schulmeister mit Selbstachtung würde Nora Sheáinin ja wohl nichts vorlesen … Natürlich hat die in ihrem Leben nichts gelernt. Wie denn auch? Eine Frau, die nie ein Schulhaus betreten hat, außer am Wahltag … Meiner Seel, es sieht übel aus mit der Welt, wenn sich ein Schulmeister mit Nora Sheáinín unterhält! Was hast du gesagt, Muraed? … Dass er sie sehr gern hat? Der hat doch keine Ahnung, was sie für eine ist, Muraed … Wenn er sechzehn Jahre lang im selben Haus mit seiner Tochter gelebt hätte, so wie ich, dann wüsste er, was sie für eine ist. Aber ich werde ihm alles erzählen … das mit dem Seemann und den ganzen Rest …

  • … „Mártan Sheáin Mhóir hatte eine Tochter,
Und sie war so breit wie jeder Mann.“
  • … Fünfmal acht ist vierzig, fünfmal neun ist fünfundvierzig, fünfmal zehn … ich weiß es nicht mehr, Schulmeister …
  • „Er lief den Frauen hinterher
Und ritt zum Jahrmarkt dann.“
  • … Ich war zwanzig und ich hatte das Herz-Ass. Ich hab deinem Partner den König weggenommen. Mrucháin hat mich mit dem Buben gestochen. Aber ich hatte die 9, und mein Partner hatte eine Trumpfflöte …
  • Ich hatte die Königin und einen Joker.
  • Mrucháin wollte schon die Stichkarte ausspielen und hätte deine 9 vom Tisch gefegt. Das hättest du doch, Mrucháin?
  • Aber dann ging die Mine hoch und das Haus auch …
  • Aber sonst hätten wir das Spiel gewonnen …
  • Sei dir da nicht so sicher. Ohne die Mine …
  • … Gott helfe uns jetzt und in alle Ewigkeit …
  • … eine Stute mit einer weißen Blesse. Sie war die beste …
  • Muraed, hier kannst du nicht mal einen Finger in deinem Ohr hören. Ach, Sohn des gnädigen Gottes, heute Nacht … „Eine Stute mit einer weißen Blesse“ … Ich hoffe, ihr werdet selbst alle schlohweiß, wenn ihr nicht aufhört, über sie zu reden …
  • Ich habe für die Republik Irland gekämpft …
  • Niemand hat von dir verlangt, dass du …
  • … Er hat mich erstochen …
  • Aber wenn, dann nicht in die Zunge! Sollt ihr doch alle weiße Blessen kriegen! … Seit ich auf diesen Friedhof gekommen bin, treibt ihr mich schon in den Wahnsinn. Ach, Muraed, wenn wir nur eine stille Ecke für uns finden könnten! Über der Erde konnten wir einfach gehen, wenn uns die Gesellschaft nicht gefiel. Aber ach und weh, die Toten verlassen niemals ihren Platz in der Friedhofserde …