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Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Judith Sombray
Leona Stahlmann
Marie-Alice Schultz

Barbara Mesquita

aus: „Die zufällige Biographie einer Liebe / Biografia involuntária dos amantes “
von João Tordo

übersetzt aus dem Portugiesischen

"Gemeinsam hatten wir das Wildschwein getötet. Wir hatten es nicht töten wollen, aber das Tier war quer über die Straße in sein Unglück hineingelaufen, hatte die Stoßstange des Wagens demoliert und Teile seiner selbst wie herrenlose Satelliten rings um die zwei Sonnen der vorderen Scheinwerfer geschleudert. Seine keilförmige Schnauze war blutend zerborsten. Unmittelbar vor dem Aufprall hatte es uns wie um Erbarmen flehend angeschaut. Alles war in der Stille der Autobahn AP-9 erstarrt. Einen Moment lang hatte Saldaña París neben mir sich nicht gerührt, so als würde er noch nach dem Grund für das jähe Bremsmanöver suchen. Dann hatte er mich angeblickt, als ob ich eine Erklärung dafür hätte oder mehr über das Tier wüsste, das plötzlich mitten auf der Straße aufgetaucht war wie das Licht eines Kometen, das die Dunkelheit der Nacht zerreißt.
„Du hast keine Schuld“, sagte er zu mir. Durch den Aufprall war seine Brille verrutscht. „Du hättest unmöglich rechtzeitig bremsen können. Das Tier wollte sterben.“ Die Polizei stimmte mit uns überein, viel war nicht mehr zu machen. Zwei Beamte in Leuchtwesten waren erschienen, die mit Lichtzeichen und Warnkegeln den Verkehr umlenkten und das Wildschwein an den Straßenrand schleiften. Es war Herbst, und der Wald roch nach Meer, vermutlich wegen der nahe gelegenen Bucht, der Ría de Arousa. Es war der Geruch nach Brackwasser und nach den Gezeiten, die die Felsen erodierten. Saldaña París hatte sich hingekniet und betrachtete eine Weile lang das Wildschwein. In der Haltung des Mexikaners lag etwas Feierliches, und aus seinem Blick sprachen zugleich Mitleid und Abgestumpftheit angesichts des unvorhergesehenen Todes des Tieres. So als hätte es uns zu Waisen gemacht. „Wollen Sie es mitnehmen?“, fragte einer der beiden Polizisten.
„Sie machen wohl Witze“, antwortete ich.
„Wo Sie es schon überfahren haben, können Sie es auch aufessen.“
„Wir begraben es im Wald“, erwiderte Saldaña París.
„So eine Schnapsidee“, sagte der zweite Polizist. „Wahrscheinlich sollen wir auch noch den Pfarrer rufen, damit er ihm die letzte Ehre erweist.“
Einer der beiden Beamten war aus Pontevedra, wo wir wohnten, der andere aus Vilanova de Arousa. Nachdem sie telefoniert hatten, damit jemand kam, um das sterbende Tier abzuholen – keiner von uns hatte zu überprüfen gewagt, ob es wirklich tot war -, baten sie uns, auf der Rückbank des Streifenwagens Platz zu nehmen. Ein Abschlepptransporter sollte kommen und mein Auto abholen, aus dessen Motorhaube Rauchschwaden aufstiegen. Auf der Fahrt zur Polizeiwache sahen wir in der kalten, trostlosen Nacht die bedrohlichen Schatten des Waldes an uns vorüberziehen. Wir konnten es noch immer kaum glauben, denn um ein Haar wären wir an einem Sonntagabend um diese Uhrzeit gar nicht auf dieser Straße unterwegs gewesen. Um ein Haar hätten wir das Wildschwein nicht überfahren. Und um vielleicht noch weniger als ein Haar hätte der Mexikaner nicht von den Dingen zu sprechen begonnen, über die er bis dahin geschwiegen hatte.
Auf einer Bank des Polizeipostens von Caldas de Reis, der nächstgelegenen Ortschaft, warteten wir die Formalitäten ab. Der Unfall hatte sich bei Kilometer 110 der Autobahn AP-9 ereignet, wir hatten weniger als ein Drittel des Weges nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Normalerweise fuhr ich die Strecke montags noch vor Tagesanbruch alleine, denn mein Unterricht am Lehrstuhl für Englische Sprache und Literatur begann morgens um neun Uhr. An diesem Sonntagnachmittag jedoch hatte Saldaña París mich sehr verstört angerufen, so als ob er im nächsten Augenblick einen Wutanfall und zugleich eine Panikattacke bekommen würde. Er rang nach Luft, und seine Stimme schraubte sich in schrille Höhen. Wir hatten uns getroffen, hatten miteinander geredet, ich hatte vergebens versucht, ihn zu beruhigen. Aus Angst, ihn alleine zu lassen, aber auch, weil mir in dem Augenblick alles von einer immensen Monotonie zu sein schien, schlug ich ihm vor, an diesem Tag gemeinsam mit mir nach Santiago de Compostela zu fahren, wo wir zu Abend essen und anschließend ein Bier trinken und in einem Gasthof übernachten könnten, der einer Freundin von mir gehörte. An seinen hinter extrem dicken Brillengläsern verborgenen blauen Augen hatte ich ablesen können, wie sehr die Idee ihn aufmunterte oder zumindest doch aus seiner morbiden Stimmung riss. Und dann hatten wir das Wildschwein überfahren, als es unvorsichtigerweise über die Straße gelaufen war und den stolpernden, dem der Menschen so unähnlichen Strom seines Lebens unterbrochen hatte, und wir hatten gespürt, dass auch unser Leben unterbrochen worden war, obwohl wir weiterhin existierten und die entlegene Polizeiwache irgendwo im tiefsten Galicien zumindest vorerst nicht das Fegefeuer war. Während wir darauf warteten, dass jemand kam, um mit uns zu sprechen und uns über die inzwischen unserer Kontrolle entglittene Lage zu informieren – wir mussten eine Aussage machen, und ich musste wissen, was mit meinem Auto geschehen war -, begann Saldaña París zu reden und richtete schließlich die merkwürdigste Bitte an mich, die mir je gestellt worden war. "

(...)